Die Nordseeinsel Borkum einst und jetzt
Details
  • Titel:Die Nordseeinsel Borkum einst und jetzt
  • Veröffentlichung:1897, Leer
  • Verlag:M. Wilkens
  • Typ:Monografie
  • Sprache:Deutsch
  • Umfang:146 Seiten
Autor
Verfügbarkeit
  • Urheberrecht:Gemeinfrei

Die Nordseeinsel Borkum einst und jetzt ist eine Monografie des Borkumer Hauptlehrers Berend Huismann, die 1897 in Leer erschien. Huismann erklärte, sie solle bisherige, vorwiegend mit Topografie und Wirtschaft befasste Literatur um eine kulturelle Perspektive ergänzen. Gewidmet ist das Buch dem Pastor Heinrich Junker in Petkum.

Das Werk wurde bei F.A. Barthel in Leipzig gebunden und wurde vom Verlag M. Wilkens in Leer herausgegeben. Nach deutschem Recht ist es seit dem 1. Januar 1987 gemeinfrei. Es erschienen drei Nachdrucke: 1979 im Verlag Schuster (Leer), 2014 im Verlag weitsuechtig und 2015 im Verlag Literaricon. Ein Originalexemplar sowie Huismanns handschriftliches Manuskript von 1896 befinden sich im Archiv des Heimatvereins.

Die Schrift ist ein Zeitzeugnis des frühen Bäder-Antisemitismus auf Borkum.

Digitalisierter Volltext

Vorwort.

Der Verfasser der vorliegenden Schrift hat sich immer darüber gewundert, daß die Bücher, welche über Borkum geschrieben sind, die Leser mit der Insel in topographischer Beziehung und mit ihrem Seebade ganz genau bekannt machen, aber die Menschen auf dem Eilande in ihrem Streben und Arbeiten, in ihren Freuden und Leiden, in ihren Sitten und Gebräuchen in alter und neuer Zeit in den Hintergrund treten lassen. Auch das Buch von K. Herquet, „Borkum in kulturhistorischer Beziehung“, beschäftigt sich einseitig fast nur mit den alten Vogt- und Pastorengeschichten und mit Strandungen und Strandordnungen und zeigt uns die Einwohner Borkums von der schlechten Seite. Es ist also in der Literatur über unsere Insel offenbar eine Lücke vorhanden, welche auszufüllen das gegenwärtige Büchlein bestimmt ist. Dasselbe soll keins der vorhandenen Bücher verdrängen, sondern sie nur ergänzen. Verfasser hat sich bemüht, die Leser mit der Geschichte der Insel und mit deren Einwohnern in alter und neuer Zeit nach den verschiedenen Richtungen hin bekannt zu machen.
Es ist so natürlich, daß unsere Badegäste Borkums Einwohner, bei denen sie jährlich wochenlang wohnen, auch gerne in ihren Thun und Treiben außer der Badezeit kennen lernen wollen, und darum hofft der Verfasser zuversichtlich auf de n Dank der lieben Gäste, deren Wünschen er bereitwillig und nach besten Kräften entgegen gekommen ist.
So gehe denn hin, mein Büchlein, und erwirb unserm lieben Eilande und seinen biedern Bewohnern in der Nähe und Ferne viele treue Freunde, die immer gerne wiederkommen zum nord’schen Meer, zum schönen Strand der freundlichen Insel, „die grüne”, genannt.
Borkum, im März 1897.
B. Huismann.

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I. Lage und Entstehung der Insel Borkum.

Die Insel Borkum liegt vor der Mündung der Ems, welche in zwei Armen, Oster- und Westerems genannt, sich in die Nordsee ergießt. Bis zum Ende der ersten Hälfte unsers Jahrhunderts war die Osterems wegen ihrer größern Wassertiefe der Hauptarm und wurde deshalb auch am meisten befahren, während die Westerems nur von kleinen Schiffen benutzt wurde. Allmählich jedoch versandete der östliche Arm, und die Westerems wurde, wie es in früheren Zeiten auch der Fall war, wieder das Hauptfahrwasser; gegenwärtig wird die Osterems nur noch von kleinen Fahrzeugen benutzt.
Bis zum Jahre 1864 bestand Borkum aus zwei Teilen, dem Westlande und dem Ostlande. Beide Teile waren durch ein breites Watt von einander geschieden, über welches bei ziemlicher Flut das Wasser hinbrauste; nur bei Ebbe konnte man an gewissen Stellen zu Fuß und zu Wagen hinüber und herüber kommen. So kam es, daß im Herbst und Winter, wenn heftige Winde das Wasser am Ablaufen hinderten, die Bewohner des Ostlandes zuweilen wochenlang vom Verkehr mit der Hauptinsel abgeschlossen waren, was jedenfalls für jene Leute manche Unbequemlichkeit im Gefolge hatte. In dem genannten Jahre nun ließ die Seite 2hannoversche Regierung die beiden Teile durch einen Damm verbinden, welcher den Fluten den Durchgang wehrte; seit dieser Zeit ist Borkum eine zusammenhängende Insel. — Da dieser Damm schon eine Reihe der schwersten Stürme bestanden hat, so ist nach menschlichem Ermessen nicht mehr zu besorgen, daß derselbe, welchem nach der Seeseite hin bereits breite Dünen vorgelagert sind, wieder von den Meereswogen fortgespült werde. Das ehemalige Watt, tüskendöör (Zwischendurch) oder Intervall genannt, hat sich im Laufe der Zeit fast ganz begrünt, und es wird allem Anscheine nach nur noch weniger Jahre bedürfen, bis auch die unbegrünten Partieen sich in Grasland verwandeln. Da bei jeder hohen Flut — das Land liegt ja nach der Wattseite hin dem Meere offen — eine feine Schlickschicht sich darauf ablagert, so wird mit der Zeit ein großer Teil des Grünlandes zu herrlichem Weidelande werden, worauf bei richtiger Benutzung für eine sehr beträchtliche Anzahl von Kühen Sommer- und Winterfutter gewonnen werden kann, namentlich wenn später einmal das ganze Areal eingedeicht werden sollte.
Die ostfriesischen Inseln sind Überreste des einstigen festen Landes, dessen Nordrand in uralten Zeiten viel weiter in See hinausgelegen hat, als der jetzige Nordrand der Inseln. An der flachen Küste hatte die Flut auf ihrem Gange durch die See große Massen Sandes zu Dünen aufgehäuft. Diese Dünen erstreckten sich in einer ungeheuren Kette von der damals noch nicht durchbrochenen Landenge zwischen England und Frankreich längs der ganzen Küste bis zur Nordspitze der jütischen Halbinsel.
Seite 3 In jenen Zeiten ergossen sich die Flüsse nicht wie heute, majestätisch in ihren Betten dahinfließend, ins Meer, sondern sie verbreiteten sich in vielen Armen durch das Land hinter der Dünenkette, vor welcher sich ihre Wasser stauten und weithin das Land bedeckten. Schilfrohr, Wasserpflanzen, Moose und Gräser wuchsen auf den überschwemmten Flächen, dieselben Gewächse, welche noch jetzt in den sumpfigen Niederungen Ostfrieslands sich vorfinden, und so bildeten sich ungeheure Sümpfe, durch welche die Flußarme träge dahinflossen und hie und da einen Ausweg ins Meer fanden. Alljährlich starben diese Sumpfgewächse ab, vermoderten und sanken zu Boden, und diese vermoderten Pflanzenschichten finden wir heute tief unter der Marsch als „Darg“ wieder. Vielerwärts werden in demselben Baumstämme, Zweige, Haselnüsse und Eichelnäpfchen gefunden, was uns beweist, daß auf höher gelegenen Strecken der ausgedehnten Sumpfniederungen einst grüne Wälder rauschten.
Es trat darauf eine vielleicht Jahrhunderte hindurch dauernde Senkung unserer Küste ein, so daß das Meer endlich höher stand als die niedrigen Flächen hinter den Dünen. Letztere wurden da, wo sie am schmalsten und niedrigsten waren, an vielen Stellen durchbrochen, und die See riß, den Flußarmen folgend, nun zahlreiche Eingänge in das Innere des Landes, welches auf diese Weise in Inseln zerlegt wurde. Nun fluteten täglich die Wasser des Meeres über die niedrigen Gegenden dahin; bei jeder Flut aber lagerte sich eine feine Schicht fruchtbarer Erde auf ihnen ab, welche höher und immer höher wurde. So bildete sich Seite 4im Laufe der Jahrhunderte die fette Marsch, genau so, wie in den späteren Jahren die fruchtbaren Poldermarschen entstanden.
Auf Borkum befindet sich diese Marschschicht meist ziemlich tief unter dem Sande; man entdeckt sie beim Ausheben tiefer Fundamentgruben oder beim Graben und Schlagen von Brunnen; auf dem Strande, namentlich westlich von dem Intervall, tritt sie zuweilen in ziemlicher Mächtigkeit zu Tage, wenn die Meereswellen auf kurze Zeit den Sand fortspülen, welcher sie bedeckt.
Die Bildung der Marschen geschah in vorgeschichtlicher Zeit, zu einer Zeit, als die Landbrücke zwischen Dover und Calais dem immerwährenden, gewaltigen Anprall der hohen oceanilchen Fluten nicht mehr zu widerstehen vermochte und endlich fortgespült wurde. Nachdem also der Ocean sich auch von Westen her eine Bahn zur Nordsee gebrochen hatte, hörte letztere auf, ein fast geschlossenes Binnenmeer zu sein und wurde durch die eindringenden heftigen Fluten um vieles unruhiger als bisher, namentlich wenn schwere Stürme aus Westen und Nordwesten über sie hinbrausten. „Damit begann für unsere Küste eine Zeit der Zerstörung, zunächst für die Inseln, dann auch für die dahinter liegenden Marschen, die von demselben Meere, welches sie einst gebildet hatte, zerrissen und fortgespült wurden.“
Zu der Zeit, als die welterobernden Römer mit ihren Flotten an unsern Küsten erschienen, hatte diese Zerstörung bereits begonnen, selbstverständlich aber waren die hier liegenden Inseln von viel größerem Umfange, als sie es jetzt noch sind.
Seite 5 Borkum war so groß, daß dessen zahlreiche Einwohner, wenn auch ohne Erfolg, sich der Landung der Römer widersetzten, so daß letztere erst nach förmlicher Belagerung die Insel erobern konnten. Das jetzige Borkumer Riff, auf welchem bei Sturmwetter gewaltige Wogen donnernd branden, war früher jedenfalls ein Teil der Insel, da man Spuren vormaliger menschlicher Ansiedelungen daselbst gefunden hat. Hören wir, was ein früherer Borkumer Pastor, namens Nikolai, daselbst nicht etwa von ferne gesehen, sondern genau in Augenschein genommen hat. Bei Arends (Erdbeschreibung Seite 369) heißt es folgendermaßen: „Nach einem heftigen Sturme entdeckte er (Nikolai) westnordwestwärts vom Borkumer Turm, auf einer hohen Außenbank, ein ausgedehntes Feld vom besten Klei (Marsch), wahrscheinlich ein Warf oder Dorfstätte, denn Herr Nikolai fand daselbst neun Brunnen in ziemlicher Entfernung von einander, in gerader Linie gelegen, worunter drei Tonnenbrunnen, die übrigen von geschnittenen Rasen, sehr zierlich aufgesetzt. Am merkwürdigsten war die Entdeckung eines nahe dabei im Westen befindlichen, großen runden Platzes, 90 Fuß im Durchmesser, welcher aus einer doppelten Reihe sehr zierlich geschnittener Rasen künstlich zusammen gefügt war. An der östlichen Seite dieses Platzes fand sich abermals ein Brunnen, ebenfalls von Kleirasen aufgesetzt. Sowohl außerhalb als innerhalb jenes Rasenzirkels fanden sich viele Stüde von zerbrochenen Urnen, eben der Art, wie fie im Drenthei’schen vorkommen. Baumwurzeln von großer Ausdehnung zeigten sich in einiger Entfernung von dem grünen Platz im Boden noch sehr deutlich, ostseits nahe dabei eine Seite 6große Menge Knochen und Köpfe von Schafen aufeinander gehäuft. An einem anderen Ort, ebenfalls in der Nähe, ein Hause altes Eisen, große Nägel umd Rungen (Bolzen) und dergl., vermutlich Reste eines Schiffswracks. In geringer Entfernung davon zeigten sich noch zwei kleinere, vollkommen zirkelrunde Rasenplätze, jeder über 40 Fuß im Durchmesser, seitwärts von denselben, nach Norden hin, ein langer, zugeschlammter Graben, beinahe 50 Fuß breit, an beiden Seiten in gerader Linie mit einer doppelten Reihe im länglichen Viereck geschnittener Rasen aufgesetzt. Abgebrochene Baumstämme, Wasserpflanzen und Blätter derselben gleichen Art, wie man sie noch jetzt in den Schlöten (Wassergräben) des Festlandes findet, waren noch deutlich zu erkennen. Weiterhin ein großes gepflügtes Feld, wovon die sehr genau aneinander schließenden Furchen noch zu erkennen waren, und zwar alles in ein Stück zusammengepflügt, ohne Acker. Herr Nikolai vermutet, daß der große Rasenzirkel ein Tempel gewesen und die Tiere daselbst geopfert wurden, wobei der Brunnen dienen mochte, den Altar vom Blut zu reinigen. Ohne Zweifel ist diese Vermutung richtig. Die Anwesenheit der Urnenscherben zeigt aber auch, daß es zugleich ein Begräbnishügel war, vielleicht ein heiliger Hain, nach den vielen im Boden steckenden Baumwurzeln zu urteilen. Der Ort muß ein hohes, über 1000 jähriges Alter haben, da Opferungen und Verbrennung der Leichen mit Einführung des Christentums aufhörten. Das Eisen wird durch gestrandete Schiffe dahin verschlagen sein, was aber der so breite Graben bezweckte, läßt fich nicht wohl erklären. (Siehe jedoch Seite 7Seite 8.) Der Entdecker ließ zwar an verschiedenen Stellen nachgraben, ob vielleicht noch sonstige Merkwürdigkeiten sich finden möchten, doch fand man nicht mehr, und nach Verlauf eines halben Jahres war alles wieder mit Sand überschwemmt.“
Als die Römer unter Drufus Borkum eroberten, bildete dasselbe mit Buise und Bant, Juist und Norderney und den sog. Willewarfen (kleine in der Nähe liegende, dünenlose Inselchen) ein zusammenhängendes Eiland. Auch ein Teil des Borkumer und des Juister Riffs gehörte dazu, desgleichen alles, was wir jetzt als Sandbänke unter den Namen „Randzel”, „Hamburger-“, „Koper-" und „Memmertsand“ u. s. w. bezeichnet finden. Norderney, welches in einer Urkunde aus dem Jahre 1398 noch das „Osterende" und im 16. Jahrhundert von dem Chronisten Eggerik Beninga „t’Norder-Neye-Ooge,” d. h. neues Auge der Stadt Norden, genannt wird, bildete höchstwahrscheinlich das östliche Ende der Insel.
Die Römer nannten die von ihnen eroberte Insel Byrchanis oder Burchana, auch wohl wegen der Menge der daselbst, wenn auch nicht wild, wachsenden Bohnen Fabaria, d. h. Bohneninsel.
Nach dieser Zeit hören wir erst wieder von ihr, als zu Beginn der Karolingerherrschaft deren Einwohner das Christentum annahmen. Sie hieß nun aber Bant. Dies Wort bezeichnet eine Landichaft, einen Distrikt, worauf Borkum, Juist, Bant und Norderney einzelne Niederlassungen waren, „ähnlich wie „Uplengen“ und die „Wolden“ zusammenfassende Benennungen für mehrere unter sich verbundene Ortschaften sind.“ (Siehe das Seite 8mit außerordentlichem Fleiße bearbeitete Werk von O. Houtrouw: „Ostfriesland. Geschichtlich-ortkundige Wanderung gegen Ende der Fürstenzeit.“ —) Ob diese Erklärung für Borkum zutreffend ist, wollen wir dahingestellt sein lassen. Jedenfalls bleibt das merkwürdig, daß nach der Zerstückelung des Eilandes von allen überbleibenden Inseln, nicht Borkum, die größte und schönste, sondern eine der unbedeutendsten mit dem Namen Bant bezeichnet wurde. Darum muß doch wohl für die seit der Römerzeit gänzlich veränderte Namensbezeichnung der Insel eine andere Erklärung gesucht werden. Vielleicht möchte es richtig sein, daß man sagt, die Mönche des Klosters zu Fulda, von wo aus die Christianisierung erfolgte, haben von der Hauptniederlassung Bant der ganzen Insel den Namen gegeben. Als nun gewaltige Sturmfluten das große Eiland zertrümmerten, behielt selbstverständich die Ortschaft Bant, nun mit einem Teile des umliegenden Landes zur Insel geworden, ihren alten Namen bei, während das größte Stück, das nach jenen furchtbaren, landverschlingenden Fluten übrig blieb, wie in der Römerzeit wieder Borkum genannt wurde.
Die Zertrümmerung der großen Insel Burchana oder Bant, auf welcher der Friesenkönig Radbod (gest. 719) ein Schloß gehabt haben soll, in welchem er zeitweilig residierte — der von Pastor Nikolai im Jahre 1789 auf dem Borkumer Riff entdeckte zugechlammte Graben möchte vielleicht ein Festungsgraben dieses Schlosses sein — geschah dadurch, daß das wilde Meer mitten durch sie hindurch eine gewaltige Oeffnung riß, die Osterems, welche noch im vorigen Jahrhundert „die neue Ems“ Seite 9hieß. Wann diese Zertrümmerung stattgefunden hat, ob sie auf einmal oder nach und nach sich vollzog, darüber ist bei den verschiedenen Ansichten der Gelehrten genaue Kunde nicht zu geben. Vielleicht hat die fürchterliche Marcellusflut (1362), in der Geschichte wegen ihrer schredlichen Verheerungen an der ganzen Seeküste von Seeland an bis nach Schleswig hin die „große Mannstränke“ genannt, den Bruch herbeigeführt. Frühere gewaltige Sturmfluten hatten indes jedenfalls die entsetzliche Katastrophe schon vorbereitet. Die schweren Nordweststürme wälzten mit ungeheurer Gewalt die hohen Fluten der Nordsee verderbenbringend gegen die Inseln. Dem steten Angriffe des Meeres konnten die Dünen nicht widerstehen, ganze Strecken wurden fortgespült, so daß an manchen Stellen das Land schutzlos dem Meere offen lag. So drang das Meer, zumal der Boden im Innern des großen Eilandes Bant wahrscheinlich dargig war, von vielen Gräben und fließenden Gewässern durchzogen, dem auch durch Sturmfluten untergegangenen alten Rheiderlande nicht unähnlich, tief und immer tiefer ins Land ein. Da an eine wirksame Ausbesserung der entstandenen Schäden nicht zu denken war, so nahm das Verderben seinen Fortgang.
Die Marcellusflut spülte wahrscheinlich auch die Dünen zwischen dem West und Ostlande weg und bahnte sich zwischen diesen beiden Inselresten hindurch einen breiten, wenn auch flachen Durchgang. Bei stürmischem Wetter wurde nun jedesmal alles Land unter Wasser gesetzt, und darum mußten die armen Einwohner, welche die verheerendste aller Fluten etwa noch übrig gelassen, Seite 10ihre alte Heimat verlassen und auf dem Festlande ihre Wohnung aufschlagen.
Eine geraume Zeit hindurch muß dieser Zustand Borkums gedauert haben. Denn als vor einigen Jahren an verschiedenen Stellen des Ortes Höhrenbrunnen geschlagen wurden, fand man in gewisser Tiefe jedesmal eine Schicht Muscheln, und da Muscheln nur da vorkommen, wo das Meer seine Wogen wälzt, so ist es gewiß, daß unser Eiland längere Zeit vom Meerwasser bedeckt gewesen sein muß.
In den folgenden Zeiten kamen wieder ruhigere, von Stürmen nicht heimgesuchte Jahre. In diesen bildeten sich die breiten, hohen Dünenketten, welche das Westland im Norden hat, und ebenso auch, diejenigen, welche das Ostland an seiner Südseite besitzt.
Da die Insel jetzt unbewohnt war, ebenso wie die übrigen ostfriesischenen Inseln, so verfiel aller Grund und Boden dem Landesherrn. Daher kommt es, daß die Inseln, mit Ausnahme natürlich der von den Einwohnern in Eigentum erworbenen Strecken, sämtlich dem Fiskus gehören. Daher kommt es ebenfalls wohl, daß die Prediger und Lehrer auf den Inseln nicht von der Gemeinde, wie in den meisten Orten des ostfriesischen Festlandes, sondern vom Consistorium bezw. von der Regierung berufen werden.
Das schöne, grüne Land auf den Eilanden lockte indes wieder Bewohner herbei, und zwar zunächst für Borkum. Die neuen Ansiedler, welche ihre Ländereien von dem Besitzer der Insel, dem Landesherrn, in Erbschaft erhielten, legten nun aber einen Deich um ihre Wohnstätten und das Seite 11ihnen zugewiesene Land, um vor Überschwemmung sich zu schützen.
Bis vor wenigen Jahren noch waren die Inseln, Borkum nicht ausgeschlossen, in beständiger Wanderung begriffen, indem an der Seeseite die Dünen fortwährend abbrödelten und nach Osten hin verstäubten. Durch Pflanzen von Strandhafer, hier „helm“ (spr.: hä-lem) genannt, dessen Wurzeln außerordentlich tief in den Sand eindringen, giebt man von altersher den Dünen Halt umd Festigkeit. Auch legte man früher auf dem Strande „vlakken“ an, um den Triebsand zur Bildung neuer Dünen festzuhalten. „Flakken sind mehrere Fuß hohe, aus Buschholz und Strauchwerk geflochtene Hürden, welche quer gegen die Windrichtung in Schlangenlinien angebracht wurden, um den Sand aufzufangen.“ Indessen konnten diese Maßregeln in sturmfreien Jahren wohl die Dünenbildung fördern, auch das Verstäuben des Dünengürtels verhüten, nicht aber dessen Wegspülen durch das Meer hindern. So war Borkum vor der Erbauung der Strandmauer in Gefahr, in der Nähe des Kleinen „Kaaps“ von dem gefräßigen Elemente durchbrochen zu werden. Wäre dieses Ereignis eingetreten — eine einzige schwere Sturmflut hätte es vielleicht bewirkt — so wäre Borkum jetzt vielleicht zum Teil eine Sandbank wie der „Randzel” und das Riff. Da aber die Inseln ein starker Schutz des Festlandes find, so hat die preußische Regierung in weiser Erkenntnis dieser Sachlage auf Borkum und den andern Eilanden längs des Seestrandes am Fuße der Dünen auf fester Unterlage gewaltige Schutzmauern aufführen lassen, welche dem Anprall der Meereswellen Seite 12festen Widerstand thun und somit die Inseln vor weiterer Zerstückelung und Abnahme bewahren. Doch für sich allein könnte die Mauer diesen Zweck nicht erfüllen, da die Fluten bei stürmlichen Wetter den Strand abspülen und also auch die Mauer zum Versacken bringen würden. Darum hat man noch in gewissen Abständen vom Fuße der Mauer an bis zum Meere hin breite, starke Buhnen angelegt, welche die Abspülung des Strandes verhindern. So ist nun dem Meere ein festes Bollwerk entgegen gestellt worden, welches nach menschlichem Dafürhalten den schwersten Stumfluten Trotz bieten kann.
Wenn im Sommer die Badegäste hier ankommen und das Meer so glatt und ruhig vor sich liegen sehen, dann sagt mancher ganz enttäuscht: „Das soll nun die wilde, gefürchtete Nordsee sein? Fürwahr, sie ist ja ebenso zahm wie ein gewöhnlicher Landsee!" Und wenn man ihnen dann sagt, daß das Meer in seiner Ruhe einem schlafenden Löwen gleiche, aber, vom Orkane gepeitscht, den Schaum seiner gegen die Schutzmauern mit furchtbarer Gewalt schlagenden Wogen in großen Flocken über die Hotels, ja über den Leuchtturm hinweg ins Dorf schleudere dann lächeln sie wohl ungläubig, bis eine frische Brise, von ihnen schon Sturm genannt, den schlafenden Leu aufweckt und ihnen ein Pröbchen seiner ungeheuren Kraft zeigt.

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II. Die Einwohner und deren Beschäftigung.

Gegen Ende des 14. Jahrhunderts gehörte Borkum unter die Botmäßigkeit des Hauses ten Brook. Die Besitzungen dieses Hauses und diejenigen Fokko Ukena’s gingen an die Familie Cirksena zu Greetsiel über, aus welcher später die Landesherren hervorgingen. Bei der Wiederbesiedelung Borkums wurde, wie wir schon wissen, das vorhandene kulturfähige Land an eine Anzahl Leute in Erbpacht ausgegeben. Wann diese Wiedersbesiedelung stattgefunden hat, weiß man nicht genau. Der Deich, welchen diese Erbpächter, Altbauern genannt, um einen Teil ihres Besitztums zogen, lag einst, wie alte Überlieferungen sagen und noch vorhandene deutliche Spuren erkennen lassen, dem Dorfe viel näher und wurde erst später da aufgeführt, wo er sich gegenwärtig befindet. Nachherige Ansiedler hatten an dem eingedeichten Acker- und Grünlande keinen Anteil; sie hießen Neubauern. Im Laufe der Jahrhunderte jedoch, während welcher der Landbesitz häufig verteilt und verkauft wurde, hörte allmählich der Unterjchied zwischen Alt- und Neubauern auf, obgleich von einzelnen Familien sog. Altbauerngeld (= Erbpachtsgeld) noch bezahlt wurde.
Die erste genaue Kunde über die Einwohner und deren Beschäftigung erhalten wir durch das Einwohnerverzeichnis des Inselvogts Dirk van Lheer aus dem Jahre 1616. Damals betrug die Zahl der Bewohner 167 Personen, welche sich auf 46 Familien verteilten. Unter diesen gab es mehrere, von denen Mann und Frau beide Seite 14vom Festlande gekommen waren, bei der Hälfte aber stammte entweder der Mann oder die Frau nicht von der Insel. Die Besiedelung derselben dauerte also damals noch fort. Die Einwanderer kamen meist von dem westlichen Teile Ostfrieslands und dem Groningerlande, etliche von Norderney und von holländischen Inseln.
Der Hauptnahrungszweig war die Viehzucht. Im ganzen besaßen die Einwohner zu der Zeit neben einigem Jungvieh 131 Kühe. Die Altbauern besaßen die meisten davon, manche hatten 6 oder 7, dazu hatte jeder von ihnen gewöhnlich zwei Pferde.
Die Zahl der Schiffe betrug elf. Unter diesen war eins ein „koopvaardyschip“ = Kauffahrteischiff) von 12 Lasten, welches als Frachtschiff wohl die nötigen Waren und Lebensmittel vom Festlande holte. Außerdem gab es noch ein Schillschiff, welches „schill“ d. h. Muscheln, die man auf dem Watt oder auf dem Strande losgrub und losharkte, zu den Kalkbrennereien des Festlandes behuf Herstellung von Muschelkalk brachte. Die übrigen Schiffe waren Fischerfahrzeuge, woraus man sieht, daß neben der Viehzucht auch der Fischfang einen nicht unerheblichen Teil des Erwerbs ausmachte.
Die vorhandenen Pferde dienten neben landwirtschaftlichen Zwecken vor allen Dingen dazu, um angestrandete Güter zu bergen. Da damals die Ems noch gar nicht oder doch nur ungenügend betonnt war, umd es eigentliche Leuchtfeuer auch noch nicht gab, so kamen Schiffbrüche und Strandungen in der Nähe der Küste ziemlich häufig vor. Von den bei solchen Schiffsunglücken nach der Seite 15Insel geborgenen Gütern erhielten die Einwohner einen bedeutenden Anteil als „buitgeld“ (=Beutegeld).
Man kann annehmen, daß zu jenen Zeiten die an Zahl noch geringe Bevölkerung auf ihrem Eilande durchschnittlich in gutem Wohlstande gelebt hat.
Als aber die Einwohnerzahl beständig zunahm, und dadurch bei den Erbschaftsteilungen der Landbesitz für den Einzelnen immer kleiner und auch die „Strandportionen“ immer geringer wurden, so wurde es im allgemeinen schon schwieriger, auskümmlichen Unterhalt zu finden. Da eröffnete sich nach Beendigung des spanischen Erbfolgekrieges (1714) eine Erwerbsquelle, welche die Insel auf längere Zeit hin, bis 1780, außerordentlich aufblühen ließ. Diese Erwerbsquelle bestand in der Ausübung des Walfischfanges für holländische Rechnung. Die Einwohnerzahl nahm nun rasch zu, sie stieg von 476 Personen im Jahre 1713 auf 852 im Jahre 1776, die höchste Bevölkerungsziffer, welche ehemals erreicht worden ist. Wenn die Insulaner der heutigen Zeit die ehemalige größte Einwohnerzahl auf das Doppelte angeben, so ist das ein Irrtum, da es altenmäßig feststeht, daß mehr als 852 Personen auf Borkum in jener Periode nicht vorhanden gewesen sind.
Nun begann eine Zeit des Wohlstandes, über welchen die ausschmückende Sage folgendes erzählt.
Ehemals hatten die reichen „Commandeurs“ — so nannte man die Kapitäne der auf den Walfischfang ausgehenden Schiffe — an der Decke ihrer Wohnzimmer ein von blanken Messingreifen zusammengehaltenes Eimerchen hängen, welches mit Gold- und Silbermünzen gefüllt war. Ein solches Seite 16Eimerchen hieß „marsemmer“. Kam nun ein Freund und begehrte eine Summe Geldes zu leihen, so durfte dieser aus dem Eimer soviel selbst herausnehmen, als er brauchte, ohne daß der Commandeur sich den Betrag vorzählen ließ. Und brachte der Schuldner nach einiger Zeit das Darlehn wieder, so that er dasselbe auf Geheiß des Gläubigers ohne weiteres wieder in das Eimerchen.
Mit beginnendem Frühlinge fuhren die Capitaine und ihre Matrosen, welche meist alle von Borkum waren, hinaus in die nördlichen Meere, wo sie dem Riesen unter den Seetieren, dem Walfische, eifrig nachstellten. Gar manche Heldenthat verrichteten die kühnen friesischen Männer im Kampfe mit den Seeungeheuern, aber auch manches kostbare Menschenleben ging dabei verloren. Die Toten, welche nicht vom Meere verschlungen wurden, versenkten die tapfern und treuen Seeleute nicht in die Tiefe des Meeres nach Schiffsbrauch, sondern führten sie in Särgen mit sich zur Insel zurück, um sie in heimischer Erde zu bestatten. Dann war neben der Freude über glückliche Heimkehr Trauer und Herzeleid in manchen Familien, welche einen Vater oder Sohn oder Bruder oder sonst einen nahen Verwandten zu beweinen hatten. Wie viel Opfer an Menschenleben das Gewerbe des Walfischfanges forderte, beweist uns am besten die große Zahl der Witwen in jenen Zeiten.
Diese große Einbuße an Menschenleben war eine der Schattenseiten des zwar gewinnbringenden, aber doch gefährlichen Gewerbes. Eine andere Schattenseite war, daß die Frauen und Mädchen sich der Garten und Feldarbeit entwöhnten, indem sie von dem reichen Verdienst der Männer ein Seite 17bequemes, sorgenloses Leben führen konnten, Sie gewöhnten sich eine Art vornehmes Leben an und saßen hinter dem Stickrahmen, anstatt im Garten und auf Feld und Wiese sich nützlicher zu beschäftigen. Die Gärten um die Häuser wurden zu Rasenflächen mit Blumenbeeten umgeschaffen; höchstens wurde ein kleiner Teil davon mit Kohl bepflanzt, um im Winter dieses so beliebten Gemüses nicht entbehren zu müssen. Die Entwässerungsgräben wurden ganz vernachlässigt, so daß die Wiesen in dem Grade versumpften und vermoosten, daß ein damaliger Prediger der Insel meinte, die Wiesengründe möchten zum Torfstich geeignet sein, was sich bei näherer Untersuchung aber als falsch erwies. Als darum mit Ausbruch des englisch-holländischen Seekrieges im Jahre 1780 der Walfischfang und mit ihm der Verdienst plötzlich aufhörte, als auch ein Teil der reich gewordenen „Commandeurs“ seinen Wohnsitz zu Amsterdam oder Hamburg nahm, und nur die ärmere Bevölkerung zurückblieb, da trat statt des bisherigen Überflusses in manchen Familien bitterer Mangel ein. Da die Leute der Landkultur und der Gartenarbeit entwöhnt waren, und namentlich auch die früheren Seeleute nicht gerne zur Hacke oder zum Spaten greifen mochten, so wurde der Mangel immer größer. Die Errichtung einer Spinnanstalt, welche von dem Lehrer Cornelius Albers geleitet wurde, konnte den Wohlstand nicht heben, da die Insulanerinnen eben nicht spinnen mochten. Der Widerwille gegen diese Beschäftigung, die ihnen gegenüber ihrer früheren gar zu gering erschien. und wohl auch nicht lohnend genug war, war so groß, daß nicht einmal die für fleißige Spinnerinnen Seite 18ausgetzten fünf Prämien zu je 10 Thalern zur Verteilung kommen konnten, wie der Kammerrat Freese in bitterem Unmute berichtet. Die Frauen Borkums, welche mit Spinnen sich noch beschäftigten, waren keine geborenen Insulanerinnen.
Inzwischen hatte sich — denn die Not lehrt ja schließlich arbeiten — die Landkultur doch wesentlich gebessert, was schon die vermehrte Anzahl von Kühen und Schafen beweist, und hie und da war eine Familie wieder empor gekommen. Doch nun kam wieder eine böse Zeit für das Eiland, die Zeit der napoleonischen Kriege. Auf allen Inseln wurden von den Franzosen Schanzen gegen die Engländer angelegt. „Auf Borkum war es die schöne Binnenweide, auf welcher die mit einem Blockhause versehene Schanze angelegt wurde, in welcher sich auch eine Bäckerei befand.“ Die Insulaner wurden gezwungen, bei der Schanzanlage als Arbeiter Dienste zu thun. Obgleich ihnen guter Tagelohn versprochen worden war, so bekamen sie doch von den 5000 bis 6000 Fl., die die zu fordern hatten, gar nichts.
Der Prediger Billker, welcher damals auf der Insel angestellt war, berichtet über diese böse Zeit folgendes.
„Die Befestigungsepoche gab dem hiesigen Wohlstande den letzten Stoß. Schanzarbeiter und Militair mußten von den Insulanern einquartiert und bei öfterem Ausbleiben ihrer vivres (Lebensmittel) unterhalten werden. Schiffer, Fuhrleute und Arbeiter wurden requirriert, Materialien zu dem Bau des Blockhauses zu holen und selbiges zu befestigen, ohne die geringste Bezahlung zu erhalten. Dabei besuchten die Douaniers fleißig Seite 19die Insel und raubten unter dem Vorwande von englischen Colonialwaren den Leuten auch diejenigen Waren, die sie zum Teil vom festen Lande eingekauft, zum Teil von ihren Eltern ererbt hatten. Überdies war Handel und Schiffahrt gänzlich gesperrt und so alle Einwohner brodlos." Herquet S. 160.
Wir haben vorhin gehört, daß von den wohlhabenden Einwohnern viele nach Hamburg und andern Örtern gezogen waren. Von diesen kehrten einige, welche auf Borkum Häuser und Ländereien hatten, zurück, um bei etwas Viehzucht von den Erträgnissen ihrer Capitalien, die sie bei dem durch die Kriegsunruhen verursachten allgemeinen Vermögensniedergange etwa noch besaßen, in Einfachheit und Zurückgezogenheit zu leben. Die Heimgekehrten konnten deswegen die Insel auch nicht wieder in Flor bringen, ebensowenig die dagebliebenen alten „Commandeurs“, welche ihr Vermögen, das zum Teil recht bedeutend sein mochte, in unkündbaren holländischen Staatspapieren angelegt hatten; denn die meisten verloren während der französischen Herrschaft den größten Teil davon, manche sogar alles.
Die Bewohner des Ostlandes, welches seit 1752 an einige Personen in Erbpacht ausgegeben worden war, wurden von dem allgemeinen Elende weniger betroffen, weil ihnen ihr verhältnismäßig großer Landbesitz wenigstens auskömmlichen Unterhalt gewährte.
Wie jämmerlich es zu Anfang unseres Jahrhunderts mit unserem jetzt so blühenden, schönen Eilande bestellt gewesen sein muß, sehen wir aus dem schon erwähnten Berichte des Pastors Billker Seite 20aus dem Jahre 1818; er schreibt folgendermaßen:
„Nur zu wahr ist, daß die hiesige Insel arm ist. Der Schullehrer und ich empfinden es nur allzusehr, denn ersterer hat um Ostern d. J. nur von fünf Familien und ich nur von dreißig Familien das Salar erhalten. Wenn die Vorsehung diesen Winter einen strengen Frost und keine Heringe gegeben hätte, so wären hier mehrere Personen vor Hunger gestorben, denn es giebt mehrere Familien, die, wie mir berichtet worden, des Morgens, Mittags und Abends nichts als Heringe gegessen haben, und im jetzigen Augenblick (20. April) werden Kohl, Rüben, Wurzeln und dergleichen, die, um Samen zu ziehen, gepflanzt werden, gestohlen, wie auch neulich gesetzte Kartoffeln des Nachts aus den Garten wieder ausgescharrt und geraubt sind. Ich will nun gar nicht bezweifeln, daß die Lage besser sein würde, wenn alle Insulaner fleißiger und haushälterischer gewesen wären und noch wären, allein sie find es nun einmal nicht gewesen, und wir sind mit den Armen und Bettlern jetzt ganz verlegen.“ Herquet S. 162.
Die Einnahmequelle, welche namentlich dann, wenn die Stürme tobten und auf den Riffen und Sandbänken die hohen Wellen gewaltig brandeten, bisher manchmal recht ergiebig floß, ich meine die Einnahmen aus den Strandungen, begann plötzlich zu verfliegen, indem die Regierung im Jahre 1817 das ungenügende Kohlenfeuer nahe am Weststrande eingehen und auf dem 150 Fuß hohen Turme bei der Kirche einen Leuchtapparat von 27 Öllampen einrichten ließ.
Dieser Turm ist 1576 von den Emdern als Tagmarke für die Schiffer erbaut worden, was Seite 21wir aus der Inschrift sehen, welche man ihm an der Südseite gegeben hat; sie lautet:

Illustribus Edzardo et Johanne
Comitibus et Dominis Frisiae
Orientalis etc. Senatus populus —
que Aemedensis publici boni ergo
ex Mercaturae navalis contribu —
tione me fieri fecit anno Dui.
im jahr 1. 5. 7. 6. De schipfahrt van
Emden erboud mich, ich woerde
volend, als men Michaelis vierden
Doerch Antonius Pricker.
Berent Habben. Allerd Dircksen.
Jacob Geritzo De mich regierden.

Der lateinische Teil dieser Inschrift heißt auf deutsch: Unter der Regierung der Erlauchten Grafen Edzard und Johann, Grafen und Herren von Ostfriesland u. s. w. haben Senat und Bürgerschaft Emdens zum gemeinen Besten aus den Zöllen der Handelsschiffahrt mich erbauen lassen im Jahre des Herrn 1576.
Die damalige Einrichtung wurde im Jahre 1857 durch einen Fresnel’schen Linsenapparat ersetzt, welcher ein festes weißes Licht hatte, das bei klarer Luft 13 Seemeilen weit sichtbar war. Bei dem am 14. Februar 1879 entstandenen Turmbrande ging der Apparat zu Grunde, worauf der jetzige neue Leuchtturm nahe am Weststrande erbaut wurde.
Wie sehr die Insel gegen früher zurückgegangen war, sieht man auch recht deutlich, wenn man die Zahl der Häuser und der Einwohner mit derjenigen in der Glanzperiode vergleicht. In der besten Zeit hatte der Ort 852 Personen in 170 Wohnungen, im Jahre 1806 aber nur reichlich Seite 22400 Menschen in 113 Häusern. Vierzig Haushaltungen erhielten Armenunterstützung.
Unter so bewandten Umständen fand im Jahre 1819 die Gründung einer Spinnanstalt mehr Beifall, als im vorigen Jahrhundert; damals war die Anstalt nach einigen Jahren kümmerlichen Bestehens 1796 eingegangen. Die Regierung schenkte bei der gänzlichen Mittellosigkeit der Einwohner gleich zu Anfang der Neugründung 200 Thaler, wofür Flachs, Spinnräder und Haspeln angeschafft wurden; später gab die Regierung abermals 300 Thaler. — Allein die Zeitverhältnisse begünstigten das Unternehmen keineswegs. Bei dem Überhandnehmen der Baumwollen-Industrie mit ihren billigen Fabrikaten wurden die Leinwandwebereien an vielen Orten, auch in Ostfriesland, vollständig lahm gelegt; somit kam bei der Anstalt auf Borkum ein Nutzen endlich gar nicht mehr heraus, und 1844 ließ die Regierung dieselbe ganz eingehen.
Indessen waren die Insulaner doch wieder strebsamer geworden. Die Gärten wurden sorgfältig und fleißig bestellt und die Wiesen durch Entwässerung und Bedüngung ertragfähiger gemacht. Neben der Landwirtschaft wurde auch wieder Fischerei getrieben, deren Ausbeute nach Delfzyl oder Emden zum Verkauf gebracht wurde. Von den jungen Leuten war ein Teil in Dienst getreten und zwar namentlich bei den Bauern des benachbarten Groningerlandes; ein anderer Teil nahm Schiffsdienste an, oder wie man hierorts sagt, „ging auf die Fahrt“. Sogar die größeren Kinder halfen mit zur Erwerbung des Lebensunterhaltes, indem sie bei den Landwirten auf Seite 23dem Ostlande für die Kost und einen kleinen Tagelohn einen Teil des Frühlings und des Sommers Beschäftigung fanden. Der alte Wohlstand konnte natürlich so nicht wiederkehren; indessen waren die jetzt sehr genügsamen Menschen schon froh, wenn sie nur einigermaßen ihr tägliches Brot hatten. Die Einwohnerzahl betrug bis in die zweite Hälfte unseres Jahrhunderts hinein nicht viel mehr als 400 Personen.
So schien also der alte Glanz der Insel unwiederbringlich dahin zu sein, wenig oder nichts war davon übrig geblieben; nur die merkwürdigen Garteneinfriedigungen, Rippen und Kieferknochen ehemals erlegter Walfische, erinnerten die Bewohner an die Zeiten des entschwundenen Wohlstandes. Wehmütig gedachten sie dieser schönen Zeiten und ahnten jedenfalls nicht im entferntesten, daß noch in ihrem Jahrhundert für Borkum eine Erwerbsquelle sich aufthun werde, welche die Insel zu neuer, nie dagewesener Blüte führen sollte.

III. Die Sprache.

Die Sprache auf Borkum ist diejenige des westlichen Teiles des Tieflandes von Ostfriesland, sie zeichnet sich aber vor den meisten andern plattdeutschen Mundarten durch besondern Wohlklang aus. Leider ist wegen des starken Zuzuges vom Festlande her das wohlklingende Borkumer Plattdeutsch in raschem Schwinden begriffen, und nur in einzelnen Familien kann man dasselbe noch einigermaßen rein hören.
Der Inseldialekt hat besondere Eigentümlichkeiten. Dahin gehört, daß die Endsilben vieler Seite 24zweisilbiger Wörter, die sonst kurz und unbetont sind, hier sehr deutlich ausgesprochen werden, wie in lo—pen (laufen), stüren (steuern, lenken, schicken), sche—pen (Schiffe), ro—ken (rauchen), ko—pen (kaufen), hu—sen (Häuser), krie—ten (weinen) u. s. w. Dagegen wird manchmal in dreisilbigen Wörtern, namentlich in Eigennamen, deren Silben in dem Dialekte des Festlandes alle deutlich hörbar sind, die erste Silbe lang ausgedehnt, die beiden andern dagegen sehr kurz gesprochen, z. B. olde Hanneme (alte Tante Johanna), Geertjeme (Tante Geertje), Mettjeme (Tante Mettje) u. s. w.
Der Buchstabe w wird im Anlaut wie ein kurzes u gesprochen mit einem schwachen Hauch von w davor, z. B. wind wie (w)uind, weien (wehen) wie (w)uei—jen u. s. w., desgleichen f oder v in dem Worte schriefen oder schrieven (schreiben), also schrie—(w)uen. Nur sehr schwer lassen sich solche Wörter von einem Fremden richtig aussprechen. Als Auslaut klingt das w wie in den holländischen Wörtern sneeuw (Schnee), leeuw (Löwe), — auf Borkum als Stammnamen vorkommend — nieuw (neu), spr.: snee—u(w), lee—u(w), nie—u(w), das w wieder nur als schwacher Laut hörbar. Wel hew we daar? (Wen haben wir da?) — klingt hier: (w) Uel he—w (w)ue daar? Die eigenartige Aussprache des w vonseiten des Borkumers tritt auch dann hervor, wenn er deutsch redet, dieselbe ist beim Unterrichte den Kindern schwer abzugewöhnen.
Das lange und gedehnte a, ebenso die Verdoppelung aa, wird hier wie im Deutschen und Holländischen rein und schön ausgesprochen, während Seite 25auf dem ostfriesischen Festlande dieser Laut, zwischen a und o klingend, unschön, ja manchmal geradezu häßlich sich anhört.
Das lange, geschlossene e klingt mitunter beinahe wie ie. So lautet beispielsweise das Wort nee (nein) wie nie, wenn man es recht gedehnt spricht und den Mund nur ein wenig öffnet.
Der Doppellaut ee klingt wie i—e, jedoch kurz und fast wie ein Laut, z. B. de peerden (Pferde) lopen up’t kwett (Begrünung längs der Ost- und Westlandsdünen) wie de pi--erden lo—pen up't kuett oder: wat is’t mooi weer = (w)uat is’t mooi (w)uier! (schönes Wetter).
In recht vielen Wörtern verwandelt sich das geschärfte e des ostfriesischen Festlandsdialektes in ein gedehntes ä, z. B.: leggen (legen) = läg—gen, bedde (Bett) = bäd--de, henne (Henne) - hän—ne (Mehrzahl: haunder).
In einzelnen Wörtern verwandelt sich das kurze i in ein kurzes e, z. B.: Dat gift niks = dat geft niks; elk nimmt sien pett in de hand = elk nemmt sien pett in de hand (Jeder nimmt seine Mütze in die Hand).
In festländisch-ostfriesischen Wörtern wie of, hoff, kobbe, osse (= oder, Hof, Möve, Ochs) und anderen klingt das o kurz, auf Borkum dagegen beinahe wie ein gedehntes a, also of wie âf; daar is Hoffmann (Eigenname) = dar is Hafmann; de kobben leggen (die Möven legen) = de kaben läg—gen. Zuweilen aber lautet das kurze o wie ein kurzes u, z. B.: Jochem, kumm in huus! = Juchem, kumm in huus! Der Eigenname (weiblich) Wobke wie (w)Upke, oder de koffje is klaar = de kuffje is klaar (der Kaffee ist fertig).
Seite 26 Eine weitere Eigentümlichkeit des Borkumer Dialektes ist, daß das lange offene o manchmal beinahe wie u—o — kurz, fast. einsilbig — ausgesprochen wird, z. B.: de toren van Pilsum kummt in sigt, = de tu—orn van Pilsem kummt in sigt, du hest verloren — du hest (hast) verlu—orn. Jedoch in den allermeisten Fällen wird dieses o, sowie auch der Doppelvokal oo wie ein langes u gesprochen: Wobke is dod (tot) also wie (w)Upke is duud: de bladen komen an de boomen (die Bäume gewinnen Blätter) wie de bladen kumen an de bumen; water in de sloot (Wasser im Graben) wie (w)Uater in de sluut.
Der Umlaut ö hat in vielen Fällen einen gedehnten Laut zwischen ö und ü, so klingt köken (Küche) fast wie küken, rögen (rühren) wie rügen, söven (sieben) wie süven u. s. w. Bei der Aussprache des ü wird der Mund nur ein wenig geöffnet.
Während auf dem Festlande der Vokal u (kurz) seinen Laut in den betreffenden Wörtern immer beibehält, giebt es in dem Inseldialekte Wörter, in welchen dieses kurze u fast wie ein kurzes o klingt. Man sagt auf dem Festlande: de kèniene sat unner de busken (das Kaninchen saß unter dem Gesträuch); hier heißt dieser Satz, in welchem das Subjekt gegenüber dem Sprachgebrauch des Festlandes sächlich ist: Dat kènien sat onder de bosken.
Oftmals spricht man hier den Umlaut ü wie ein einfaches i. Wenn eine Insulanerin ihren Namen Wübke schreibt, so nennt sie sich immer (w)Uipke.
Seite 27 Festländisch-ostfriesische Wörter wie hüppen und wüppen (hüpfen), wüpkàre (Kippkarren), wüppsteert (Wippschwanz) lauten hier wie hippen, (w)uippen, (w)uipkàre, (w)uipsti—èrt.

Akkermanntje (w)uipsti—ert,
(w)Uel het di dat (w)uippen li—ert?
Akkermanntje (w)uipsti—ert,
Dei het mi dat (w)uippen li—ert!

Deutsch:
Bachstelze (hier: Akkermanntje), du Wippschwanz,
Wer hat dich das Wippen gelehrt?
Die Bachstelze Wippschwanz,
Sie hat mich das Wippen gelehrt.

Der Laut y, auf dem Festlande gleichliegend den holländischen Wörten gelyk (gleich), ryk (reich), dyk (Deich), klingt auf Borkum wie ein breites ei, z.B.: De veermann is na Lyr (Leer) = de vi--ermann (Fährmann) is na Leir; mien lyve Kind (mein liebes Kind) = mien leive kind; schyten (schießen) wie scheiten; klyr (Kleider) wie kleiern.
In manchen Fällen wird der Doppellaut au wie o—u (fast einsilbig) gesprochen, wobei man das o sehr dehnt, also de pau is weg (der Pfau ist fort) wie de po—u is (w)ueg; in de dau. (in dem Tau) wie in de do—u; hy harr dat schaap bie’t tau (er hatte das Schaf an der Leine) wie hei harr dat schaap bie’t to—u; Mama, hy het mi hauen (Mama, er hat mich geschlagen) wie Mamme, hei het mi ho—uen; dat is en beste kau (das ist eine recht gute Kuh) wie dat is en beste ko—u. Die Mehrzahl von kou heißt kau’n.
Der Doppellaut ui, auf dem Festlande wie Seite 28das holländische ui in duivel (Teufel), zuiver (sauber), huiveren (vor Kälte zittern) klingt hier beinahe wie eu in Wörtern wie suiken (suchen), muike (Tante), ruiven (Rüben), bedruiven (betrüben, täuschen), also seuken, meuke, reuven, bedreuven. Scheiten un eierseuken is verboden, s’mag nei (w)nesen (Schießen und Eiersuchen ist verboten, es darf nicht geschehen).
In manchen Sätzen spricht der Borkumer statt hy (er) ein trr oder drr. Auf dem Festlande fragt man: Het hy schreven? (Hat er geschrieben?) oder: Is hy gaud tauvree? (Ist er gut zufrieden?) Hier aber lauten diese Fragen: Het trr schre--(w)uen? Is trr gaud tauvrede? Auf dem Festlande sagt man: Dat kunn’e wal wesen (das könnte er wohl sein); hier heißt dieser Satz: Dat kunn drr (w)ual (w)uesen.
Eigentümlich ist ferner der Gebrauch des Wortes leif (lieb) statt bliede (froh). Daar (w)uas’k recht leif omme bedeutet: Darüber war ich recht froh. Nicht minder auffällig für den festländilchen Ostfriesen ist die Anwendung des Wortes hum in der Bedeutung von er, ihm, ihn und sich. Dat is hum = das ist er; hei het hum dröge kleiern andaan = er hat (ihm, sich) trockene Kleider angezogen; hy (w)uasket hum, hei scheert hum, un hei treckt hum mooi an = er wäscht sich, rasiert sich und zieht sich schön (d. h. sonntäglich) an; hei sal hum bedrenven = er wird sich täuschen.
Zu den vom Festlandsdialekte abweichenden Spracherscheinungen auf Borkum gehört auch die Auslassung des s im Genitiv bei manchen Verbindungen, Seite 29z. B.: Opa kind statt Opa’s kind; Lüppe land statt Lüppe’s Land; hei sat op mamme schoot (Schoß) statt up Mamme’s schoot u. s. w.
Die Zeitwörter strieken (streichen, schlagen, plätten), kopen (kaufen) und düren (dürfen) lauten hier ganz anders ab, als auf dem Festlande. Auf dem Festlande conjugiert man: strieken, streek, streeken; kopen, köfde, köft; düren, düs, düst; auf Borkum aber: strieken, strook, stroken; kopen, kofde, koft; düren, durst oder dus, durst. Mien breur het de jonge döörstroken = mein Bruder hat den Jungen durchgeprügelt; hei het en uutstroken gesigte = er hat ein scheinheiliges Angesicht; ik heb’ mien hus verkoft = ich habe mein Haus verkauft; hei durst nei in’t (w)uater = er durfte nicht ins Wasser. Der hiesige Dialekt hat in solchen Wörtern offenbar viel mehr Wohlklang, als derjenige des Festlandes, ebenso in den Wörtern, in denen der Festländer ein ll oder nn, der Insulaner aber ein ld oder nd spricht, als: kelder (Keller), telder (Teller), olde (alte), kolde (Kälte, kaltes Fieber), molde (Mulde); kinder, Hinderk, windig (spr.: windeg), minder, gewinder (Gewinner).
Wohlklingend ist ferner die Anhängung eines e an das Zeitwort in der zweiten Person der Einzahl beim Präsens und Perfectum, z. B.: As te [w]ui—er kumste = wenn du wiederkommst, as te dat daan heste = wenn du das gethan hast u. s. w.
Der auffällig häufige Gebrauch des englischen Wortes plenty erklärt sich vielleicht durch die vielen Seereisen ehemaliger Schiffer nach England; Seite 30eine sichere Erklärung für das häufige Vorkommen der holländischen Wörter omtrent, [beinahe], maar [aber, nur] und wel [wohl] liegt in der ehemaligen engen Verbindung der Bewohner des Eilandes mit Holland, auch stammt ja ein Teil der Bevölkerung ursprünglich daher.
Das Wort wal [wohl, nicht wahr?], welches man in einer Frage, auf welche man eine bejahende Antwort erwartet, fast immer anwendet, hört man deutsch auch von westfälischen Badegästen häufig gebrauchen. Ob das Wort von den Gästen in den Sprachschatz der Insulaner herübergenommen ist, bleibe dahingestellt. Man hängt das Wort der Frage an und sagt: Du kummste mörgen [w]ui—er, [w]ual? Genau so sagt der Westfale? Du kommst morgen wieder, wohl? — Eine starke Verneinung enthält der Ausdruck „[w]uel nie!“ — dann namentlich, wenn der Antwortende etwas verwundert ist über eine Frage, deren Verneinung für ganz selbstverständlich angenommen wird.
Sehr originell findet ein Festländer den Ausdruck, welcher sich auf die Fährschiffe bezieht. Diese bringen Waren und Lebensmittel von Emden und Leer nach hier. Wenn nun ein Kaufmann seine Ware ausverkauft hat, ein neuer Vorrat aber bereits wieder mit dem Fährschiff angekommen ist, so sagt er: Dat solt [Salz] oder de gorte [Grütze] oder de seipe [Seife] is noch in de vi—ermann, oder er sagt gar, um das Schiff genau zu bezeichnen: De holsters un de trippen sünd nog in Aei—je = Die Holzschuhe und die Holzpantoffeln sind noch in Aei—je, d. h. in dem Schiffe des Esdert Meeuw [plattdeutsch: Aei—je M.]
Unbekannt auf dem Festlande ist auch ein Seite 31Wort, welches man auf dem Eise beim Schlittschuhlaufen häufig hört, es ist das Wort krüsjarssen. [w]uil [w]ui even krüsjarssen? = Wollen wir eben ꝛc.? — fragt ein Mädchen ein anderes oder eine Dame einen Herrn [auch umgekehrt], und dann legen die betreffenden Personen die Hände kreuzweise ineinander, um so nebeneinander auf dem Eise fortzugleiten.
Die starke Bewegung auf dem Eise oder beim Klootschießen auf dem hartgefrornen Boden reizt den Appetit nicht wenig, und kommt man nach Hause, so freut man sich auf das Abendessen. Wenn auch Brot, Butter und keise [Käse] genügen, so ißt man doch gerne noch ein Läppchen vleis [Fleisch] oder ein Stückchen Wurst dazu. Hunger braucht jetzt niemand up’t heile land [auf dem ganzen Eilande] zu leiden, auch der nicht, welcher etwa noch schülden over’t huus (über d. h. auf dem Hause] hat. Auch der geringste Arbeiter kann, falls er nur fleißig und solide ist, gut durchkommen, sollte er auch söven [7] kinder bie de vro—u [mit seiner Frau] haben, denn der Verdienst ist immer reichlich, auch im Winter.
Ist ein Kind nicht artig gewesen, oder hat es etwa seinen brauk [Hose] zerrissen, so bekommt es Schläge mit dem röttung [spr.: rötteng,] das ng wie eng in Engel], und diese fühlt es am besten, wenn der Vater ihm vorher seine Jacke [jäkkert] auszieht. Ist es aber artig und lernt es fleißig, dann bekommt es von mamme oder pappe [Vater oder Mutter] dann und wann, meist am Sonntagmorgen, einige Pfennige, wofür es Chokolade, mob, dropp, wunderkisjes [Wunderkistchen] und andere Herrlichkeiten vom Apotheker oder Conditor kauft.
Seite 32 [Mob, moppen oder mopper ein wohlschmeckendes Gebäck, dessen Teig mit Sirup angerührt wird, dropp soviel als Lakritzen.]
Die Mädchen sparen sich wohl eine zeitlang ihre Pfennige zusammen und kaufen sich dann gerne einen Ball. Gehen sie zur Schule, so stecken sie den Ball in de tas [Tasche], worin sich auch tassendauk und knipke [Taschentuch und Geldtäschchen] befinden und schlingen sich bei rauhem Wetter um den Hals einen das [Tuch], den sie altemets [vielleicht — auf dem Festlande bedeutet das Wort bisweilen] von grootje [Großmutter] bekommen haben. Opa und oma — die einzigen Wörter, in denen a zwischen a und o klingt — sind sehr mal mit den Enkelkindern, d. h. haben sie sehr lieb und geben ihnen nicht bloß gerne einen saun [Kuß], sondern auch Leckerbissen, welche sie in ihrem spintje [Eckschrank] aufbewahren. Aber erschallt auf der Straße der Euf: „[w]wel [w]wil all mit horen spölen?“ — Wer will mit Kriegerspielen? — so eilen sie hinaus, Opa und Oma im Stiche lassend, und bald findet sich ein heil sootje [ganzer Haufe] Knaben und Mädchen zusammen, um das beliebte Spiel zu spielen. Hinter stecken [Einfriedigungen] von bunken palen [Walfischknochen] und riemen [Erdwällen] verbergen sich Knaben und Mädchen beim Versteckspiel. Erstere gehen im Frühjahre namentlich walders [zuweilen] Hin zum purremkesloot und fangen purremkes [Stichlinge], um sie in Flaschen mit nach Hause zu nehmen. Manch kleiner Knabe, der über den Graben jumpen [hinüberspringen] will, fällt ins Wasser und geht krietend, ja bölkend [weinend und heulend nach Hause zu memme, welche ihm Seite 33das nasse pakje [Päcklein, Anzug] auszieht, aber ihm in ihrem nicht ungerechtfertigten Zorne eine Tracht Schläge mit dem röttung auf den juken [Rücken] giebt. Kommt ein Knäblein öfter mit nassen Füßen und Kleidern nach Hause, dann sagt die Mutter verdrießlich: „[w]uat beleef je mit de Kinder! De jonge is al (w)uier nat van de kop bet an de toonen! Ik bin brissend!“ = Was erlebt man mit den Kindern! Der Junge ist schon wieder naß vom Kopfe bis zu den Zehen! Ich bin ganz erzürnt!“
Die Mädchen sind natürlich viel sanfter und netter, als die wilden jonges; sie schmücken sich gerne und kommen morgens rein und sauber zur Schule, haben die Haare glatt gekämmt und das „natje” (Scheitel) in demselben hübsch gerade. Die Knaben dagegen unterlassen manchmal das Waschen von Gesicht und Händen, indem sie es vergessen oder gar denken: „Dat heuft nei!“ = „Das braucht nicht!“
Was die Knaben aber immer gerne haben, mit dem sie aber nicht selten Unfug anrichten, ist ein Messer. Schneiden sie sich mit dem Messer, welches ihnen der Vater von seiner Reise „mitgenommen” hat, in den Finger, so näht ihnen die besorgte Mutter schnell ein hüdelke (Futteral von Leinen), damit das Pflaster besser sitze und die Wunde besser heile.
Im Frühlinge, wenn die Zurüstungen auf die Badezeit wieder beginnen, bestellt man hier die Gärten mit eerpels (Kartoffeln), scilötten (Schalotten) u. dgl. Wenn das Land anfängt, recht greun (grün) zu werden, treibt man die beisten (das Rindvieh) auf die Weide, und wenn Seite 34die kau’n (Kühe) jeden Abend mit vollem jadder (Euter) auf ihre Ställe zurückkehren, dann ist die Hausfrau froh. Auf dem Stalle ruhen die „Breitgestirnten“ im weichen Stroh aus, aber sie liegen hier nicht, sondern sie „sitzen“.
Mit dem zurückkehrenden warmen Frühlinge, wenn der Wind nicht mehr „van’t noorden“ ist, d. h. aus Norden weht, nimmt man auch die Netze wieder zur Hand, um ein Gericht köstlicher, frischer Fische auf den Tisch zu bringen. So geht man denn hin, um zu seulen, wenn bei leichter Brise aus Westen oder Südwesten auf dem Strande eine mäßige Brandung ist. Das Seulnetz ist ein Zugnetz, welches zwei Mann mittelst Taue durch die Brandung längs des Strandes ziehen, während ein Mann als Steuermann am andern Ende des Netzes sich befindet und mit einer langen Stange demselben die Richtung giebt und es zu gleicher Zeit ziemlich weit über den Boden hinführt. Und wenn die Fischer nun auf ihrem sleiver (starke Nadel von Horn mit einer Schnur daran zum Aufreihen der gefangenen Fische einen ordentlichen Posten snuvers (kleine Steinbutten), Schollen und scharntjes (Rotzungen) mit heimbringen, dann ist die Freude groß. Auf dem Strande fängt man in Strandnetzen die von vielen sehr geschätzten Stachelrochen, hier rogge genannt.
Ein anderer Sport ist das Eiersuchen, obgleich scheiten un eierseuken verboden is. Singvögel wie leiverken (Lerchen), stortelken (Steinschmätzer), akkermanntjes (Bachstelzen) und andere haben im ganzen von der Jugend nicht viel zu fürchten, wenn auch den lüneken (Sperlingen) nachgestellt wird; aber der kiewiet (Kiebitz) Seite 35die lieve (spr.: lie-(w)ue) = Austernstecher, der tjarkel (auf dem Festlande Tüte genannt), der steerenk (Seeschwalbe), die quittje (kleine Seeschwalbe). der grindelk (Strandläufer), der lelke-vogel (böser Vogel) = Weibchen des Kampfhahns und ganz harmlos trotz seines Namens — sie alle müssen einen Teil ihrer köstlichen Eier den suchenden Knaben überlaffen. Und wenn diese etwa auch einen kuulskehane (Kampfhahn) in einer Schlinge fangen, so ist das für sie eine ganz besondere Freude.
Wenn nun aber die „Badegasten“ wiederkommen, dann muß alt und jung sich im Hochdeutschsprechen üben; und mag das Hochdeutsche bei vielen auch noch etwas barbarisch Klingen und das Ohr feingebildeter Herrschaften beleidigen, so sage ich mit weiland Ate Bekaan: „Mienheer, t’ is man en insel!“ Siehe D. Funcke, Reisebilder und Heimatklänge Seite 34.

IV. Gebräuche und Sitten.

Wenn Ende September die Badegäste die Insel verlassen haben, bringen die Einwohner ihre Häuser wieder in die „Winterlage”, d. h. die Gardinen und Vorhänge werden abgenommen, das Bettzeug gelüftet, gereinigt und vorsichtig geborgen und alle Zimmer gründlich gesäubert. Nun beginnt nach der Anstrengung der Badezeit die Zeit der Erholung und des Vergnügens.

1. Jägerei und Fischfang.

Während die Frauen mit dem Gesinde zu Hause emsig thätig sind, gehen die Männer, welche Seite 36kein Handwerk treiben oder als Tagelöhner ihr tägliches Brot verdienen müssen, zu ihrem Vergnügen auf die Jagd oder auf den Fischfang.
An mondhellen Abenden schießt der Jäger Austernfischer, Regenpfeifer, wilde Gänse und Enten. Am Tage haben manche das Glück, auch einige der von Feinschmeckern so gepriesenen Waldschnepfen zu erlegen, welche im Herbste und Frühlinge auf ihren Zügen hier einfallen und gewöhnlich mehrere Tage bleiben. Die wilden Kaninchen, welche in großer Zahl im Dünenterrain hausen, werden von einen Jäger gefangen und geschossen, der von der Firma Habich & Goth, welche das ganze Dünengebiet von der Regierung zum großen Leidwesen der Insulaner in Pacht hat, angestellt ist; somit dürfen die hiesigen Jäger Kaninchen nur dann schießen, wenn die Firma es gestattet.
Die Jägerei muß wohl eine besondere Anziehungskraft besitzen, da manche Männer bei etwas Mondschein Abend für Abend nach dem Hopp (Abwässerungsflüßchen des Westlandes), dem Tüschendöör oder anderen Orten hingehen, um hier auf dem Anstande Enten zu schießen. Da liegen nun die eifrigen Rimrode stundenlang in ihrem schul (flache Vertiefung, welche der Jäger selbst gräbt) auf einer Schütte Stroh und warten sehnsüchtig, aber in unermüdlicher Geduld darauf, daß sich bei ihren Lockenten die wilden Schwestern niederlassen, um sie dann durch einen sichern Schuß erlegen zu können. Ist den Jägern das Jagdglück günstig, dann bringen sie manchmal eine tüchtige Ausbeute mit, vielfach aber ist der Jagderfolg gering; dennoch können steife Glieder, Schnupfen und Rheumatismus sie von der Wiederholung ihrer avendvlügt (Abendausflug, Seite 37um das zu schießen, was des Abends fliegt) nicht abhalten.
Eine größere Ausbeute bei weit geringerer Mühe giebt öfter das Aussetzen von sogenannten Stallnetzen; da kann manchmal die Anzahl der gefangenen Vögel, namentlich Rottgänse und Austernfischer, so groß sein, daß ein Mann sie nur mit Anstrengung heimbringen kann.
Frauen und Kinder, welche zwar nicht „mit Schießgewehren spielen”, gehen auch mitunter auf die Jagd, nämlich zum Leuchtturm, wenn im Herbste vielerlei Arten von Bügeln auf ihren Wanderzügen hier durchkommen und des Abends gegen die hohe, erleuchtete Turmkuppel prallen und lahm oder tot zur Erde fallen. Die Jagd auf dem Turmplatze trägt an manchen Abenden mehr ein, als die Ausbeute von einer ganzen Woche der „Abendflucht“.
Ein andere Vergnügen ist das, allerdings grausame Fischstechen oder buttpricken. Fast immer wird die Mühe reichlich durch eine Menge der köstlichsten Fische belohnt. Auch das Aussetzen von Aalreusen hat mitunter schönen Erfolg. Anstrengend, aber doch meist recht lohnend, ist das seulen, d. h. Fischen mit Schleppnetzen am Strande (siehe S. 34), welches nicht bloß im Frühling, sondern auch im Herbst betrieben wird.

2. Das Schweineschlachten.

Ist es November geworden, dann beginnt die Zeit des Schweineschlachtens. Fast jeden Tag hört man frühmorgens schon das durchdringende Geschrei der Borstenträger, welches sie erheben, wenn sie aus ihrem Stalle geführt und auf den Trog gelegt Seite 38werden, wo sie ihr „junges Leben“ aushauchen mussen. Wo ein solches „gielen“ laut wird, kommen eiligst die Nachbaren herbei, um hülfreiche Hand zu leisten. Ein wichtiger Akt ist zunächst der Abstrich des Mastschweines. Gelingt der Stich nicht gleich so, daß das Blut in einem dicken Strahl in den darunter gehaltenen Eimer fließt, und muß gar der Schlachter mehrere Stiche thun, was aber selten der Fall ist, dann ärgert man den unter den Augen so vieler Kritiker ungeschickt gewordenen Mann, indem man spöttelt und witzelt; jedoch wird man dabei nie boshaft und verletzend, und bald wird auch der kleine Ärger in einem Schnäpschen „echten Doornkaat” ersäuft. Dem Schlächter wird zuerst das Glas gereicht, darnach den Freunden und Nachbarn. Hängt das geschlachtete Schwein an der Leiter, dann gönnt man sich noch einen „kleinen Doornkaat“, namentlich wenn der Schlächter sagt, das Tier rieche nicht gut, oder wenn einer der Nachbarn scherzweise meint, es sei „finnig“. Und wenn abends die in ihrem Koben so unreinlichen, nun aber so appetitlich aussehenden, fetten Tiere zerlegt werden, wenn die Dicke des Speckes und das Gewicht die Erwartungen gar übertrifft, dann spült man fröhlich die imaginären „Finnen“ in der Weile ab, daß man ein Fläschchen Bier trinkt oder Branntwein mit Zucker und Rosinen. Hängt das Schwein tagsüber an der Leiter zum Kaltwerden, dann kommt mancher herbei, um es zu „tarieren“, d. h. sein Gewicht nach dem Augenschein abzuschätzen. Nicht selten geht man dabei auch Wetten ein. Der Gewinner erhält gewöhnlich eine Anzahl s. g. „Borkumer Kuchen“, die äußerst schmackhaft sind und von den Badegästen Seite 39wohl als Andenken von der Insel mitgenommen werden. Selbstverständlich finden sich die Wettenden abends beim „ofslaan“, d. h. Zerlegen ein, um ihre Wette zum Austrag zu bringen.
Die Frauen nehmen an dieser manchmal etwas geräuschvollen und derben Männerfreude nicht teil, wohl aber sucht ein mutwilliges Jungfräulein oder ein Dienstmädchen hie und da eine kleine Schelmerei zu verüben, indem es ein Stücken Abfall mit einer Stecknadel irgendeinem aus der Gesellschaft heimlich an den Rock heftet oder ihm verstohlen in die Tasche gleiten läßt. So trägt mancher seinen sonderbaren Orden eine ganze Zeit hindurch, bis die ihm anfänglich unmotiviert erscheinenden Heiterkeitsausbrüche der übrigen ihn darüber belehren, daß er „etwas an ich hat;“ doch kommt es auch wohl vor, daß jemand seine „Erinnerung“ an das Schlachtefest nichtsahnend mit nach Hause trägt, wo die Seinigen ihn dann natürlich weidlich auslachen.
Am Tage nach dem Schlachtefejte wird hier immer ein eigenartiges Gericht gegessen, welches außerordentlich beliebt ist. Die Hausfrau macht nämlich an dem Tage einen Kuchen ohne Hefen, kocht dann das Herz, die Leber, ein Stück Speck und ein Stück Karbonade des frisch geschlachteten Schweines, und nun ist man den Kuchen mit einer Sirupsauce und einen Teil des Herzens, der Leber u. s. w. dazu. Dieses Gericht heißt „vas gaud“ (Frisches Gut) und ist so beliebt, daß den nächsten Anverwandten immer ein Teil davon in Haus gebracht wird. Selbstverständlich herrscht die Sitte des vas gaud-Essens nur unter den Seite 40Eingebornen, Zugezogene können dem Gerichte keinen Geschmack abgewinnen.
Am Abend dieses Tages gehen wohl kleine Knaben und Mädchen zu dem Hause hin, wo frisch geschlachtet ist, um als moderne, aber natürlich nicht „arme Currenden” an der Thür ein Teilchen Wurst zu heischen. Ihr eintöniger Gesang beginnt und schließt mit den Worten: Wurst, wurst, wurst! Geeft (gebt) mie ’n stückje wurst! Erscheint ein Knabe, dann ruft er mit dumpfer Stimme: Ik bin hier man alleine, ik heb’ so lüttje (kleine) beinen; wurst, wurst, wurst! Geeft mie ’n stückje wurst! Und sind zwei oder drei da, dann stimmen sie an: Wie bint hier mit uns twäi-jen (bezw. dräi-jen, wie hebben so lüttje knäi-jen (Kniee); wurst, wurst etc. Kommen vier, dann hört nun sie rufen: Wie bin’t hier mit uns veiern, wie hebben so dünne kleiern (Kleider); wurst, wurst etc. Und kommen fünf Kinder, so lautet ihr Ruf: Wie bin’t man mit uns vie-ven, wie hebben so lüttje lieven (Leiber); ete. Sechs Kinder rufen: Wie bin’t man mit uns ses-sen, wir sliepen unse messen (schleifen unsere Messer); -etc. Und kommen gar sieben, dann stimmt der ganze Chor an: Wie bin’t man mit uns sö-ven, dat köön je ons driest of löven (könnt ihr uns dreist glauben); etc. Und nicht eher gehen die kleinen Bettler fort, bis sie ein Endchen Wurft, die für diesen Zweck eigens gemacht ist, empfangen haben.

3. Der „Klaasohm”.

Wird es December — bis dahin haben Die meisten Schweine ihr Leben gelassen — dann Seite 41kommt ein Abend, der für die gesamte Jugend einer der allerschönsten im ganzen Jahre ist, nämlich der St. Niklasabend. An diesem Abende (5. December) gehen nämlich die „Klaasohms” durch die Hauptstraßen des Ortes unter großem Zulaufe des Volkes, namentlich des „Jungvolks“. Der „Klaasohms“ giebt es drei, einen großen, einen kleinen und einen mittleren, von denen jeder immer einen zweiten noch als Frau bei sich hat. Einige Zeit vor dem Aufzuge wird beraten und festgestellt, welche Personen „Klaasohms” sein sollen. Die Kostüme, welche sie anziehen, meist vom Vorjahre noch, werden einer genauen Prüfung unterzogen und je nach Befinden gutgeheißen oder geändert. Der „Kopfputz“ erfordert immer viel Überlegung und Erfindung, um denselben so bizarr wie möglich zu machen. Ist nach öfterem Anprobieren die ganze Sache endgültig geordnet und festgestellt, dann wird mit Sehnsucht der Abend des 5. Decembers herbeigewünscht. Über die Namen der „Klaasohms” und Klaasohmsfrauen aber darf nichts verlauten, damit man möglichst über sie in Ungewißheit bleibe und die Freude nicht gestört werde.
Endlich ist der ersehnte Abend herbeigekommen. Gleich nach Eintritt der Dunkelheit beginnt der große St. Niklas mit seinem Weibe von dem Hause aus, wo sie „eingekleidet“ werden, seinen Rundgang durchs Dorf. Sehen wir uns ihn jetzt genauer an.
Er hat ein langes Gewand an von nicht mehr ganz tadelloser Weiße; hie und da sind an derselben Schnüre und Verzierungen angebracht. In seinem Gesichte zeigt sich eine Nase von ungeheurer Dicke und Länge, und von Kinn und Seite 42Wangen wallt ein mächtiger, eisgrauer zotteliger Bart; auf seinem Haupte befindet sich die Kopfhaut eines Rindes, worauf man die Hörner hat stehen lassen; ein langer Säbel hängt ihm an der Seite, und in seiner Rechten führt er als Scepter ein gewaltiges Horn, auf welchem er fortwährend tutet. Etwas weniger schrecklich anzusehen, aber noch immer fürchterlich genug, ist „Klaasohms“ Weib. Sie ist ähnlich kostümiert wie ihr Mann, hat aber keinen Bart, auch Säbel und Horn hat sie nicht, dafür aber einen großen Beutel an der Seite, in welchem „moppen“, auch alte Weiber genannt, sich befinden nebst einer Tute voll Weizenmehl.
Von ferne her kündigt sich das Kommen des „Klaasohms" an durch einen harmonikaspielenden Begleiter, durch sein eigenes gewaltiges und schreckliches Tuten auf seinem langen Horn und durch das „jauchzende Rufen der Menge", welche vorgeht und nachfolgt. Kein Wunder also, daß sehr viele Kinder, sogar ältere, beherzte Knaben, sich vor „Klaasohm" fürchten, obgleich sie ihn auch gerne in der Nähe zu sehen wünschen. Aus diesem Grunde lassen auch nur wenige Privatleute den selben in die Wohnstube eintreten, sondern meist nur die Wirte. Und da geht denn auch wohl ein Vater mit seinen Kindern hin, um von einer versteckten und geschützten Ecke aus ihnen die viel besprochene Schreckgestalt zu zeigen. Entdeckt „Klaasohm" nun die Kinder, so fragt er durch sein Horn mit verstellter, fürchterlich klingender Stimme, ob sie zu Hause und in der Schule fleißig und gehorsam sind. Nun müssen sie „auf sagen". Da kommt es denn wohl vor, daß ein Seite 43Kind vor Angst nichts herausbringen kann, oder daß ein im seiner Angst anfängt: „Wie soll ich dich empfangen, und wie begegn’ ich dir!" Fällt nun das „Aufsagen“ zur Zufriedenheit Klaasohms aus, dann teilt ihnen seine Frau von den mitgebrachten „alten Weibern“ aus. Die anwesenden Leute legen nun den beiden Vermummten über Alter und Herkunft und dgl. mancherlei Fragen vor, auf welche die allerunwahrscheinlichsten Antworten erfolgen, und die zur größten Heiterkeit Veranlassung geben. Schließlich bekommen Klaasohm und Frau von dem Wirte ein Glas Bier und ein kleines Geldgeschenk, auch die Zuschauer geben etwas, worauf sie tanzend und tutend und singend unter Harmonikaspiel hinausgehen, um in einem andern Hause das lustige Treiben zu wiederholen. — Der tolle Lärm hat sich auf die Straße hinausgezogen, derselbe tönt ferner und ferner und verstummt endlich. Das Gespräch dreht sich nun natürlich um das eben Erlebte und dann vor allen Dingen, wenn Frau Klaasohm etwa eine neugierige Dienstmagd der einen arglosen Gast mit Mehl weiß gepudert hat. Man zieht Vergleiche zwischen einst und jetzt, und so vernehmen wir denn, daß in früheren Jahren der „Klaasohm“ ein viel schrecklicheres Aussehen gehabt hat als in unseren Tagen. Damals nämlich nähte man den St. Niklas in eine Kuhhaut ein und band ihm an’s Bein eine eiserne Kette, welche bei jedem Schritte rasselte.
Der Unterschied zwischen den verschiedenen „Klaasohms“ besteht nur in deren Alter. Während die beiden großen gewöhnlich junge Männer von 20 Jahren und darüber sind, sind die beide Seite 44mittleren 15 bis 20 Jahre, und die kleinen 15 bis 18 Jahre alt. Die Kostümierung ist bei allen fast gleich, sie suchen sich aber hinsichtlich der Seltsamkeit des „Kopfputzes“ gegenseitig den Rang abzulaufen. Ihre Umzüge machen sie so, daß erst der große, dann der mittlere und zuletzt der kleine „Klaasohm“ auszieht.
Nachdem sie sämtlich ihre Umzüge ausgeführt, versammeln sie sich wieder in dem Wirtshause, von welchem aus sie ihre Prozessionen begonnen haben, und wo nun ein fröhliches Gelage beginnt, dessen Kosten die empfangenen Geschenke zumteil decken müssen.
Die St. Niklasumzüge sind jedenfalls eine sehr alte Sitte, während die Martinsfeier, welche den Schulkindern so außerordentlich viel Freude macht, auf Borkum erst seit wenigen Jahren in Aufnahme gekommen ist.
Etwas älter aber, jedoch auch, noch ziemlich neu, ist die schöne Sitte der Christbescherung unter dem Weihnachtsbaum, eine Sitte, welche bei dem steigenden Wohlstande der Bevölkerung immer weiter sich verbreitet.

4. Die „Visitjetied”.

Eine andere Quelle der Freude und Unterhaltung ist das Besuchemachen in der sogenannten „Visitjetied“. Im Sommer haben die Leute keine Zeit dazu, einander zu besuchen, da müssen sie immer „knojen“ (schwer arbeiten); nun wollen sie sich für die Entbehrungen der Sommerzeit durch öftere umd recht lange Besuche rächen. Die großen Visiten dauern meistens von morgens an bis tief in die Nacht hinein. Dann werden Familienereignisse Seite 45besprochen aus alter und neuer Zeit und Pläne gemacht für die Zukunft; und wenn die Männer in der Scheune Pferde, Kühe und Schafe besehen, zeigen die Frauen ihre schönen Kleider und Mäntel und andere herrliche Dinge und tauschen dabei unter dem Siegel der „tiefsten Verschwiegenheit“ mancherlei Geheimnisse aus, wie das ja ihre Art ist. Beim Beginne der Dunkelheit kehren die Besuicher auf kurze Zeit in ihre Wohnungen zurück, um nach dem Rechten zu sehen: der Hausvater füttert Kühe und Pferde und die Hausmutter die kleinen Kinder, wenn sie welche hat, und schärft dem das Haus hütenden Gesinde oder auch den daheim bleibenden größern Kindern ein, treu und wachsam ihr Hüteamt zu verwalten. Dann sucht man das Haus desjenigen Verwandten wieder auf, bei dem man auf Besuch ist. Da wird nun gegessen und getrunken, erzählt und geraucht. Und setzen ‚sich dann noch etwa die Männer nieder zum Skat, dann wird es immer ziemlich spät, ehe man sich zum Nachhausegehen rüstet. Zuvor aber wird immer noch erst Thee getrunken mit Rahm und süßem Kandis nebst Borkumer Kuchen und allerlei Kringeln.
Solche großen Besuche werden nur noch unter den nächsten Verwandten, aber jetzt schon erheblich seltener gemacht, als früher. Kleinere Besuche beginnen nachmittags zur Theezeit (3 Uhr) und endigen abends um 10 oder 11 Uhr, manchmal auch später.
Aber nicht bloß verheiratete, sondern auch ledige Leute haben ihre „Visiten“, sogar Schulkinder arrangieren sie, Knaben sowohl als Mädchen. Ein eigenes Zimmer wird in den Häusern Seite 46der Wohlhabenderen für diese Gesellschaften eingerichtet, die weniger Begüterten aber oder beschränkt Wohnenden müssen für die Zeit der Dauer dieser Gesellschaften das Feld räumen.

5. Das Weihnachtsfest.

Etwa Mitte December beginnen die Einkäufe und Zurüstungen zum Weihnachtsfest. Schon in vielen Familien wird eine Tanne als Weihnachtsbaum prächtig geschmückt. Vor nicht gar vielen Jahren war, wie wir schon gehört haben, diese schöne, deutsche Sitte hier fast gänzlich unbekannt. Die Schulweihnachtsfeier, welche in einen großen Saale abgehalten wird, und zu welchem die Eltern immer außerordentlich zahlreich erscheinen, leitet das Fest ein; leider ist von einen Festessegen wegen des am Abend des zweiten Weihnachtstages stattfindenden Balles wenig zu spüren. Auffallend ist es, daß das Fest hier nicht, wie auf dem Festlande schöner Brauch ist, eingeläutet wird.

6. Das Neujahrsfest.

Wie auf dem Festlande, so werden auch hier in der Woche vor demselben Waffeln und Kuchen gebacken und am Sylvesterabend, hier olde nejaars avend genannt, stellenweise auch Wurstwaffeln, welche auf dem ostfriesischen Festlande spekkendikken heißen. An diesem Abende wurde früher allerhand Schabernack verübt, indem man Wagen, Karren und Gerätschaften, welche draußen vergessen waren, an einen entlegenen Ort brachte, so daß der Eigentümer derjelben zuweilen lange suchen mußte, um sie wiederzuerhalten. Jetzt ist diese Sitte so gut wie verschwunden.
Seite 47 Hat es in der Sylvesternacht vom Turme 12 Uhr geschlagen, so wird mit der Turmglocke das neue Jahr eine Stunde lang eingeläutet; leider aber wird der Eindruck dieses Festgeläutes bedeutend abgeschwächt durch starke Salven von Pistolenschüssen, welche während der ganzen Zeit gehört werden. Schon frühmorgens beginnt das Schießen wieder, hier einzeln, dort in Salven, so daß ein Uneingeweihter meinen könnte, es wüte im Orte ein Gefecht.
Fängt es an, Tag zu werden, so ziehen viele Kinder truppweise von Haus zu Haus und rufen beim Eintritt: „völ gelück un segen in ’t nai-je jaar!“ — wobei die Knaben ihre Kinderpistolen abschießen. Die kleinen Gratulanten empfangen nun ihre Gaben, welche in dünnen Waffeln (Neujahrskuchen), Brötchen, Backwerk, Äpfeln, Nüssen und dgl. bestehen. Sie thun aber alles zusammen in ihre „pöll“ (Beutel), wobei natürlich vieles in Stücke geht. Ein ostfriesisches Sprichwort sagt von diesem Rundgang der Kinder um Neujahrsgaben: „Van dage is 't en dag, dat riek un arm bedeln mag“ d. h.: Heute ist ein Tag, an welchem Reiche und Arme betteln dürfen.
Freunde und Verwandte, Nachbarn und Bekannte besuchen einander, um sich zum neuen Jahre zu beglückwünschen. Der Beglückwünschte traktiert seine Besucher mit Bier oder Wein, „Doornkaat“ oder Likör, wobei es dem Solidesten passieren kann, daß er einen „Spitz“ mit heimbringt.

7. Ostern.

Nach Neujahr beginnt die Haupt-Visitentied. Seite 48Aber gegen die Osterzeit sind doch die meisten Besuche abgemacht. Selbstverständlich werden zum Feste auch Eier bunt gefärbt für die Kinder; jedoch einen Osterhasen kennt man hier, wie überhaupt in Ostfriesland, nicht. Mit ihren bunten Eiern gehen die Kinder auf eine Stelle der Wiese, wo keine Steine oder andere harten Gegenstände liegen, und werfen sie jubelnd in die Höhe, wobei sie rufen: „'t is mien ei, un’t blift mien ei, un’t is mien pingster- un paaskei“ d. h.: „Es ist mein Ei, und es bleibt mein Ei, und es ist mein Pfingst- und Osterei”. Manche der größeren Knaben legen ihre bunten, hartgekochten Eier in eine Schleuder und schleudern sie hoch hinauf. Es ist der Knaben Stolz, ein Ei zu haben, das nach häufiger Benutzung noch ganz geblieben ist. Und haben sie ihren Vorrat endlich verbraucht, dann suchen sie kleinere Knaben und Mädchen zu überreden, die Festigkeit ihrer Eier auch einmal durch die Schleuder erproben zu lassen. Da giebt es manchmal bei den Kleinen Thränen und Herzeleid, wenn ihre schönen, bunten Eier beim Niederfallen entzwei gehen, und namentlich, wenn dieselben etwa so weit geworfen worden sind, daß man sie gar nicht wiederfinden kann. Die Eier, welche beim Werfen und Schleudern entzwei gehen, werden meist auf der Stelle verzehrt, und manches Kind hat einige Tage nachher noch einen verdorbenen Magen infolge der genossenen schwer verdaulichen Ostereier.
In früheren Zeiten war es namentlich die in den Norddünen belegene, mit Moos weich bewachsene paaskedäle (Osterdelle), wohin am Osterfeste bei nicht zu schlechtem Wetter nicht bloß die Seite 49Kinder, sondern auch viele Erwachsene hinauszogen, um mit den Kindern in kindlichen Spielen harmlos fröhlich zu sein. Diese Sitte ist indessen schon längst abgekommen, wie überhaupt der uralte Gebrauch des Eierwerfens im Schwinden begriffen ist.

8. Pfingsten.

Auch an das Pfingstfest knüpft sich ein alter Brauch. Am Abend vor den Feste wird in der Mitte des Ortes von einer Schar junger Leute ein langer Tannenstamm aufgerichtet. Das Fußende wird etwa 1 m tief in die Erde eingegraben, und starke Taue, welche von dem oberen Ende aus nach verschiedenen Seiten hin unten am Erdboden an Pfählen befestigt sind, geben dem Baume einen festen Stand. Etwa zwei bis drei Meter unter der Spitze ist an dem Baume eine lange Querstange befestigt, an welcher mitunter in einen Korbe ein lebendiger Hahn aufgehängt wird; einmal hing sogar eine Kalbskeule daran, welche man nachts, ohne natürlich den Eigentümer erst zu fragen, heimlich geliehen hatte. Letzterer kam somit um seinen Pfingstbraten; und als nun gar morgens der Unglücksmensch aus Neugierde den schönen Baum besehen wollte und die Keule oben hängen sah, rief er, dieselbe als sein Eigentum erkennend: „Blickslager, dat is mien kalverküle!'“ Um sich dem Spotte der Zuschauer nicht auszusetzen, ging der Geschädigte eiligst nach Hause. — Querstange und Spitze des Baumes sind mit bunten Bändern und Fähnchen geschmückt, und an den Tauen baumeln Kohlstrünke, Grasbündel u. dgl.
Ein also geschmückter Baum heißt Maibaum. Seite 50Am Morgen des ersten Pfingsttages stellen sich zeitig nach und nach die Kinder des Ortes bei dem Baume ein, um ihn zu besehen und zu bewundern. Die Mädchen schließen einen großen Kreis um denselben und gehen langsam um ihn herum, wobei sie neben deutschen Liedern auch ein jedenfalls schon sehr altes Lied singen, dessen Text folgendermaßen lautet:

  1. Segg’ buur, wat kost jau ei?
    Segg’ buur, wat kost jau kemelsei,
    Rim, tim, kemelsei,
    Segg’ buur, wat kost jau ei?
  2. Mien ei, dat kost en kroon,
    Mien ei, dat kost en kemelskroon,
    Rim, tim etc.
  3. Dat ei is vööl’s te düür!
    Dat ei is vööl’s te kemelsdüür,
    Rim, tim etc.
  4. Dat ei is nix te düür,
    Dat ei is nix te kemelsdüür,
    Rim, tim etc.
  5. De buur de nam en vro-u,
    De buur, de nam en kemelsvro-u,
    Rim, tim etc.
  6. O buur, wat moije vro-u!
    O buur, wat moije kemelsvro-u,
    Rim, tim etc.
  7. Dau nam de vro-u en kind,
    Dau nam de vro-u en kemelskind,
    Rim, tim etc.
  8. O buur, wat moije kind!
    O buur, wat moije kemelskind,
    Rim, tim etc.
  9. Dau nam dat kind en meid,
    Dau nam dat kind en kemelsmeid,
    Rim, tim etc.
  10. Seite 51
  11. O buur, wat moije meid!
    O buur, wat moije kemelsmeid,
    Rim, tim etc.
  12. Dau nam de meid en knegt,
    Dau nam de meid en kemelsknegt,
    Rim, tim etc.
  13. O burr, wat moije knegt!
    O buur, wat moije kemelsknegt,
    Rim, tim etc.

Weiter hört man die Kinder nicht singen; aber offenbar ist das Mitgeteilte nicht der ganze Text, da der Schluß fehlt.
Das Singen und Spielen um den Maibaum dauert den ganzen Tag hindurch bis zum Abend. Die Kaufleute und Bäcker, welche in der Nähe wohnen, geben den Kindern reichlich Gelegenheit, ihre Groschen und Pfennige los zu werden für Chokoladeplätzchen, Bonbons, Wunderkästchen und dergleichen Herrlichkeiten. Nur während der Zeit des Mittagessens hat der Baum keine Besucher, aber gleich nach dem Essen stellen sich diese wieder ein; auch die Eltern der Kinder und sonstige erwachsene Personen gehen wenigstens einmal des Nachmittags hin, um zu sehen, wie die Jugend sich freut. Am zweiten Festtage wiederholt sich das fröhliche Treiben in der beschriebenen Weise. Am Abend aber wird der Baum, nachdem um denselben zum letzten Male lebhaft getanzt worden, unter dem Jubel der Anwesenden, namentlich der Kinder, niedergelegt.

9. Das „Pingsterjagen“.

Am zweiten Pfingsttage oder an einem der nächsten Sonntage nach Pfingsten machen die jungen Seite 52Leute beider Geschlechter, auch Dienstboten, in ganzen Gesellschaften Wagenfahrten nach dem Ostlande, wo sie im Freien an einer geschützten Stelle sich niederlassen, Thee trinken und Butterbrod essen mit Möveneiern, welche man von dem Vogelwärter der nahen Mövenkolonie einkauft und in einen mitgebrachten Kessel und oder Topfe gar kocht. Nach einigen fröhlich verlebten Stunden besteigt man gegen sieben Uhr etwa wieder die Wagen, um dem Wirtshause von Bekaan auf dem Ostlande noch einen kurzen Besuch abzustatten. Vor Beginn der Dunkelheit treffen die zuweilen sogar bekränzten Fuhrwerke unter lautem, heiterem Gesange in langer Reihe wieder im Orte ein, von fröhlichen Zurufen bewillkommnet. Solche Ausflüge nennt man „pingsterjagen“.
Während die jungen Leute immer nur an einem Nachmittage diese Ausflüge unternehmen, gehen manche Familien mit Kind und Kegel auf einen ganzen Tag zur steerenkklip (Ostland). Tags zuvor werden hierzu die Vorbereitungen schon getroffen. Die Frauen kochen oder braten ein tüchtiges Stück Fleisch, wozu dann am folgenden Mittage die Kartoffeln auf dem Ostlande selber gekocht werden; andere backen sluffkes (dünne Hefenkuchen), die man, mit Butter beschmiert und mit Zucker bestreut, kalt ißt, manche nehmen auch mit Butterbrot und Möveneiern als Mittagsmahl vorlieb. So muß also vor der Abfahrt mancherlei auf den Wagen gepackt werden: ein Theekessel, in dem das Wasser und die Eier gekocht werden, Feuerzange, Torf und Holz; ein Spaten, um Erdboden für bequeme Sitze aus dem grünen Rasen damit zu stechen; ferner die Nahrungsmittel Seite 53für den Mittag und Nachmittag; Butter, Thee, Kaffee u. dgl.
Hat man das Ostland erreicht und eine passende Stelle gefunden, wo man sich niederlassen kann, dann hält der Wagen, und alle steigen ab. Die Pferde werden ausgespannt und abgeschiert, und dann läßt man sie auf der Weide frei laufen. Nun erbaut der Hausvater aus Rasenstücken, die er mittelst des mitgebrachten Spatens aus dem Boden lossticht, eine Art Feuerherd. Das Feurungsmaterial wird von dem Wagen genommen und auf dem primitiven Herde ein Feuer angemacht, für welches die Kinder eifrig Reiser und anderes Brennmaterial herbeitragen. Die Mutter füllt geschäftig ihren Kessel mit Wasser, welches man in vortrefflicher Güte aus Kuhlen in den Dünen holt, und bereitet nun den Morgenkaffee. Daß derselbe draußen in der frischen Luft gar köstlich mundet, wird der Leser wohl begreifen. Darauf geht man auf den taufrischen Weiden lustwandelnd umher: Die Mädchen pflücken Blumen zu Kränzen, und die Knaben suchen nach den Eiern der Brandente, die in verlassenen Kaninchenhöhlen ihr Nest anlegt, und nach den ausgezeichnet schmeckenden Eiern des Austernfischers und der Seeschwalbe. Vater und Mutter steigen auf die Dünen und lassen ihre Blicke über ihre grüne, geliebte Insel Hinschweifen, oder sie blicken hinaus auf das Meer, welches in seiner Unendlichkeit sich vor ihnen ausbreitet, ostwärts nur schimmert der langgestreckte, weiße Strand von Juist, dem benachbarten Eilande. Große und kleine Schiffe und Fischerboote beleben die weite Fläche, welche, obwohl nur von einem mäßigen Winde bewegt, dennoch Seite 54auf dem Riffe tost und brandet, und in der Ferne qualmt der Schlot eines mächtigen Dampfers, welcher vielleicht Hunderte von Auswanderern hinüberbringt nach Amerika, wo sie sich eine neue Heimstätte gründen wollen. Glückliche Überfahrt denn und ein gesegnetes Fortkommen in der neuen Welt!
Ist es zwölf Uhr geworden, dann ruft der Hausvater die zerstreuten Glieder seiner Gesellschaft zusammen, und alle lassen sich nieder, um das mitgebrachte, einfache Mittagsmahl einzunehmen; mit Lust und Wohlbehagen wird’s verzehrt, denn der Aufenthalt in der frischen Luft hat den Appetit gewaltig angeregt. Vater und Mutter halten nun ihre Mittagsruhe. Das Rauschen des nahen Meeres ist ihr Schlummerlied, welches jetzt nicht unterbrochen wird von dem Gekreisch der Seemöven, denn sie haben sich niedergethan auf ihre Nester oder sind auf dem Watt und auf dem Meere, um ihre Nahrung zu suchen. Die Kinder aber bedürfen der Ruhe nicht: sie schwärmen gleich wieder aus und setzen das Geschäft des Vormittags fort, auch nehmen sie wohl auf dem flachen Strande in dem kühlen Seewasser ein erfrischendes Bad. Bald stellt sich der Appetit von neuem ein, welcher ihnen anzeigt, daß es zwischen drei und vier Uhr sein müsse, wo Thee getrunken wird und sie ein Butterbrot bekommen. Sie suchen darum den Lagerplatz wieder auf, wo sie die Mutter schon von ferne hantieren sehen: sie sind in der That zur rechten Zeit gelommen. Jubelnd kommen sie herbei und zeigen in ihren Mützen den Eltern ihre Ausbeute an Eiern, von denen gleich ein Teil gekocht und verzehrt wird.
Seite 55 Nach kurzer Ruhe geht der Vater mit den Knaben noch einmal auf die Suche, während die Mutter mit den Mädchen in der Nähe des Lagers bleibt. Ist es etwa sieben Uhr geworden, dann rüstet man sich endlich zum Aufbruch. Das Geschirr wird wieder aufgepackt, das auf der Herdstelle noch glimmende Feuer gelöscht und mit Erde überschüttet, und dann werden die inzwischen herbeigeholten Pferde wieder vor den Wagen gespannt. Bald sind alle aufgestiegen, und fort geht's unter Jubel und Gesang den heimischen Penaten zu.
Daß die Insulaner sich auf solche Ausfahrten außerordentlich freuen, wird der Leser wohl begreiflich finden. Es ist in der That prächtig, so einen Tag draußen in der frischen, freien Gottesnatur zu verleben, wo man hinter sich und seitwärts die zackigen, mannigfaltig gestalteten Dünen mit ihren bunten Blumen hat, weiter rückwärts das weite, wogende Meer und vor sich die aus gedehnten grünen Weiden mit ihren Rinderherden. Da kann man die allerreinste, köstlichste Luft atmen, den Stimmen der Vögel lauschen und sie in ihrem Thun und Treiben beobachten.
In früheren Jahren, da man, von einigen Ausnahmen abgesehen, von Wohlhabenheit auf Borkum nicht reden konnte, mußten die Töchter des ärmsten Teils der Bevölkerung sich einen Dienst suchen; auch thaten dies zuweilen die Söhne, die meisten aber gingen, wie wir wissen, auf „die Fahrt“ d. h. zu Schiffe. Zu der Zeit gingen die Dienenden aber nicht zum ostfriesischen Festlande, sondern nach dem näheren und bekannteren Groningerlande. Nun war es Sitte, daß sie am Tage Seite 56vor Pfingsten zu ihrem Eilande, wo man sich nach Möglichkeit auf den Empfang der lieben Gäste rüstete, zurückkehrten, um bei den Eltern oder Verwandten die Festtage zu verleben. Aber nicht bloß sie kamen her, sondern auch viele Holländer und Holländerinnen schlossen sich an, so daß ich dann ein fröhliches Leben auf der Insel für diese Tage entfaltete. Meist kam auch noch von Emden ein Schiff mit Gästen von Borkum. Am Abend des zweiten Pfingsttages zog man in’s Wirtshaus, wo in Freude und Eintracht bei einem kleinen Tanz die letzten Stunden der schönen Tage rasch enteilten.

10. Das Chorsingen der jungen Mädchen im Sommer.

Diese schöne Sitte hat seit der Zeit, daß Borkum von den Badegästen aufgesucht wird, allmählich ganz aufgehört. Es wird gewiß recht lieblich anzuhören gewesen sein, wenn an schönen, stillen Sommerabenden die jungen Mädchen vor die Thür traten, um durch den Ort zu lustwandeln und in holländischer Sprache einfache Lieder zu singen, die namentlich auf das Seeleben sich bezogen. Arm in Arm ging es singend straßauf und straßab; die Alten standen auf und lauschten den wohlbekannten Liedern und gedachten der Zeiten, wo auch sie so harmlos fröhlich sein durften.
Von den Liedern, die man damals sang, mögen hier einige Anfänge folgen.

Wien Neerlands bloed door d’aadren vloeit,
Van vreemde smetten vry etc
Holl. Nationallied.
Seite 57 Aan den oever van een snelle vliet
Een meisje treurig zat etc.

Dtsch.: An einem Bach, der rauschend schoß ꝛc.

Hoe vrolyk is’t, de zee te bevaren,
Als God maar onze stürman is;
Dan vrezen wy voor geen gevaren,
Klippen en banken die zeilen wy mis.

Dtsch.:
Fröhlich kann man die See befahren,
Wenn Gott nur unser Steuermann ist:
Dann fürchten wir uns nicht vor Gefahren,
An Klippen und Bänken geht’s sicher vorbei.

Het ostlyk windje wakkert op;
Men hyst de zeevlag in den top,
Met geestdrift gaan de zeilen op
Tot booven braamzels in den top.

Dtsch.: Der Ostwind erhebt sich;
nun hißt man die Seeflagge in die Höhe bis zum Topp,
hurtig zieht man die Segel auf,
die Bramjegel hinauf bis zum Topp.

Komt, mannen, rept uw’ handen,
Maakt de zeilen los:
Het gaat naar vreemde landen,
Daar drinken wy nieuwe mos;
En by een goeden kapitein
Daarby kan men regt vrolyk zyn.
Komt, mannen, houd maar goeden moed
En toont, dat gy hebt zeemansbloed etc.

Seite 58

Dtsch.:
Kommt, ihr Männer, regt eure Hände,
Macht die Segel los:
Es geht nach fremden Ländern,
Da trinken wir frischen Most;
Bei einem guten Kapitain
Kann man recht fröhlich sein.
Kommt, ihr Männer, behaltet nur guten Mut
Und zeigt, daß ihr habt Seemannsblut.

11. Winterarbeit.

Ehemals lagen die meisten jungen Männer dem Schiffergewerbe ob und waren den Sommer über, soweit sie nicht Fluß- und Küstenschiffer waren, von der Insel abwesend, im Spätherbst aber oder im beginnenden Winter zogen sie mit ihrem sauer erworbenen Verdienste wieder nach dem heimischen Gestade. In damaligen Zeiten war der Verdienst gering, aber man war damit zufrieden und glücklich, wenn derselbe auch nur für die allerbescheidensten Lebensbedürfnisse ausreichte. So wurde ein Wirtshaus auch nur bei besondern Gelegenheiten benutzt —; kein Wirt — es waren auch nur zwei oder drei vorhanden — konnte damals, um ein genügendes Auskommen zu haben, seine Wirtschaft als Hauptgewerbe betreiben. Wer damals außer den gewöhnlichen Veranlassungen ein Wirtshaus besuchte, der büßte bei rechtschaffenen Leuten Ehre und Ansehen ein. Aber die jungen Leute entbehrten auch leicht und gern die Freuden des Wirtshauslebens, da sie eine bessere Unterhaltung und reineres Glück zu Hause finden konnten. Es brauchte über zu häufigen Wirtshausbesuch keine Thräne geweint zu werden. Von Langeweile aber, dem Gespenst der heutigen Zeit, das Seite 59auf Borkum noch nicht so umgeht, wie an manchen andern Orten, wurde damals niemand geplagt, weil man zu arbeiten gewohnt war und den Müßiggang haßte. (Die Zeiten des plötzlichen Niederganges der Erwerbsverhältnisse bilden hinsichtlich des Fleißes und der Betriebsamkeit eine alleinige Ausnahme, wie wir ja gesehen haben. So wurde also immer fleißig gearbeitet. Manche der älteren Männer strickten Netze für den Fischfang; die jüngeren Fischer waren eifrig bestrebt, die Lücken ihrer nautischen Kenntnisse auszufüllen; auch künstlerische Neigungen wurden gepflegt, indem man Bettbänke, Uhrgehäuse, Wäscherollen und andere nützliche Dinge verfertigte und sie mit aus geschnitzten Blumen, mit Ranken und Blattwerk, sowie passenden Sprüchen und Inschriften geschmackvoll verzierte. (Auch die Freistunden während ihrer Seereisen füllten die wackeren friesischen Schiffer mit solch’ angenehmer und anregender Beschäftigung aus.) Alle diese Sachen waren aus festem Eichenholz gemacht; hie und da ist in den Häusern noch einiges davon zu sehen. Die Bettbänke sind schmale, niedrige Kisten und dienten dazu, um von ihnen aus die früher hier allgemein gebräuchlichen hohen Wandbetten (Butzen) zu besteigen, da der Friese Schlafkammern in seinen Wohnungen ursprünglich nicht kennt. In den Bettbänken wurden wertvolle Dokumente, Bücher, Leinenzeug u. s. w. sorgsam aufbewahrt. Von den Inschriften, welche sämtlich in holländischer Sprache abgefaßt sind, mögen hier einige folgen. Auf alten Wäscherollen oder „Mangeln“ findet man beispielsweise:

Seite 60

Wit gewaschen, net gevouwen
Is een sierrad voor de vrouwen.

Deutsch:
Weiß gewaschen, hübsch gefaltet
Ist ein Zierrat für die Frauen.

Eine andere Inschrift mahnt uns:
Wascht wit, mangelt wel;
Wacht u voor zonden,
Zoo doet gy wel.

Deutsch:
Wascht weiß, mangelt wohl;
Hütet euch vor Sünden,
Es thut ihr wohl.

Auf alten Uhrgehäusen finden wir folgenden beherzigenswerten Spruch:
Ons glas loopt ras,
En als de dood komt ras
En neemt ons in’t geweld des grafs —
Die dan zyn ziel heeft welbereid,
In voorbereid voor de eeuwigkeid.

Deutsch:
Unser Glas (Sanduhr) läuft rasch,
Und wenn der Tod kommt rasch
Und nimmt uns in die Gewalt des Grabes —
Der dann seine Seele hat wohl bereitet,
Ist vorbereitet für die Ewigkeit.

Noch einige schöne Verse, die ein Schiffsjournal aus früheren Zeiten enthält, mögen hier Aufnahme finden, sie lauten:
Het is my niet genoeg,
De zoute zee te pylen,
Maar k’ hoop nog bovendien,
Seite 61 De hemel te bezeilen:
Dat ligchaam is het schip,
Het aardryk is de zee,
De bybel is kompas,
De hemel is de ree.

Deutsch:
Es ist mir nicht genug,
Die Salzflut nur zu peilen,
Ich hoffe weiter noch,
In’s Himmelreich zu fahren:
Der Leib, er ist das Schiff,
Die Erde ist die See,
Die Bibel der Kompaß,
Der Himmel ist die Rhede.

12. Winterfreuden.

So flossen die Tage des Herbstes und des Winters in glücklicher Thätigkeit dahin. Aber Unterhaltung hatte man auch mancherlei, und wenn auch zuweilen ein wenig Schabernack getrieben wurde und dieser und jener Gebrauch für unsern Geschmack ein wenig derb erscheinen mag, so wurden wirklich boshafte Streiche doch außerordentlich selten verübt.

a) Kurze Abendbesuche.

An den langen Herbst- und Winterabenden waren die gegenseitigen Besuche der Nachbarn oder der Verwandten eine Quelle der höchsten Gemütlichkeit. Mit eintretender Dunkelheit ging ein Nachbar oder ein Verwandter zum andern auf einen sogenannten avendproot (Abendgespräch, wobei nichts weiter angeboten wurde als Taback für die Pfeifen. Auch Frauen und Jungfrauen Seite 62machten solche kurzen Abendbesuche, welche bis etwa 7 Uhr dauerten. Hatte ein lediger Bursche in einem Hause Besuch gemacht, wo eine unverlobte Jungfrau war, so erforderte es der Anstand, daß diese den jungen Mann vor die Thür geleitete; unterließ sie dieses, so hatte sie den Besucher schwer beleidigt, was zur Folge hatte, daß er das Haus fortan mied. Kam hingegen ein solches Mädchen zu einer Familie, in der auch ein lediger Bursche war, so war derselbe verpflichtet, das Mädchen bei deren Weggang nach Hause zu bringen. That er das nicht, so war diese Unterlassung eine so empfindliche Kränkung, daß auch die Eltern des Mädchens sich davon getroffen fühlten.
Traf ein junger Mann ein Mädchen abends auf der Straße, so fragte er nach dem Ziele ihres Ausganges: mußte sie zum Krämer oder Bäcker, um Waren oder Brot zu holen, dann geleitete er sie hin und auch wieder nah Hause zurück; eine Ablehnung der Begleitung durfte sie nicht wagen, mochte ihr dieselbe auch noch so unerwünscht sein.
War das junge Volk bei Frostwetter auf dem Eise, um des Schlittschuhlaufens zu pflegen, so durfte kein Bursch nach Hause gehen, ohne ein Mädchen heim zu geleiten; dieses zu unterlassen, hätte gegen die gute Lebensart verstoßen.

b) „Das Winkeln.”

Wie in heutiger Zeit, so auch damals, machten Verwandte und Nachbarn mit ihren Frauen einander mitunter längere Abendbesuche. Gab es in dem Hause, von welchem Vater und Mutter auf Besuch gegangen waren, ein oder mehrere erwachsene Seite 63junge Mädchen, so hatten diese ihrerseits wiederum Freundinnen bei sich eingeladen. Solche Zusammenkunft hieß ein „Winkel“. Selbstverständlich erkundigten sich die ledigen Burschen nach den Häusern, wo Mädchen winkeln wollten, und hatten sie eins ausgekundschaftet, so erschienen sie vor den Fenstern und begehrten Einlaß. Nur so vielen würde derselbe gewährt, als Mädchen da waren, die übrigen mußten von dannen ziehen. Mochten die Abgewiesenen auch etwas schimpfen und über die Bevorzugten murren, so durften sie doch nicht mehr bei dem betreffenden Hause verweilen. In demselben verlebten nun die jungen Leute bei heiterem Spiel und Scherz bis zur Heimkehr der Eltern fröhliche Stunden, welche nur zu rasch verflossen. Die Mädchen aber sorgten dafür, daß ihnen die Gelegenheit zum „Winkeln“ oft sich bot, indem sie schlauerweise die Eltern zum Ausgehen beredeten.
Diese geselligen Zusammenkünfte, bei welchen die jungen Leute in zwanglosem, anständigem Verkehr einander kennen lernen konnten, zeitigten neben vielen flüchtigen Liebesverhältnissen auch manche glückliche Verbindung für's ganze Leben.
Mit denselben jungen Mädchen, mit welchen man in der Woche vor Weihnachten gewinkelt hatte, kam man auch am ersten und zweiten Festtagabend und am Abend des Neujahrstages zusammen. Dabei gab es dann Chokolade mit Zwieback dazu. Die Verzehrungkosten der beiden ersten Abende wurden von den jungen Burschen, diejenigen des letzten Abends aber von den Mädchen bestritten. So wollte es die althergebrachte Sitte. Nah Neujahr durften die jungen Burschen auch wieder mit andern Mädchen verkehren.

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c) „Das Beetnehmen.“

Inbetreff des eben beschriebenen Verkehrs herrschte die strenge Sitte, daß niemand länger in einem Hause bei einem Mädchen sein durfte als bis zwölf Uhr nachts, falls er mit demselben nicht öffentlich verlobt war; Witwer durften nur bis 10 Uhr verweilen. So war es denn natürlich, daß die Burschen scharf aufachteten, ob gegen dieses Herkommen auch gefehlt wurde. Wurde es ruchtbar, daß jemand bei einer Jungfrau in deren Hause nach 12 Uhr zum Besuch gewesen war, so machten es sich die übrigen jungen Männer zur strengen Pflicht, genau aufzupassen, ob der Betreffende seinem Besuch wiederholen werde. Hatte man denselben nun ins Haus gehen sehen, so wurde letzteres heimlich umstellt, ohne daß der Besucher drinnen es ahnte. Man verhielt sich still bis zur Mitternacht; und war es dann sicher, daß der betreffende junge Bursch noch im Hause war, so wurde er aufgefordert, herauszukommen, um zu bekennen, ob er mit dem Mädchen verlobt sei. Kam er nun nicht heraus, so blieben die Wächter da, und dauerte die Wache auch bis zum Morgen: einmal mußte er ja doch kommen; und kam er dann noch nicht zum Vorschein, so erkundigte man sich, ob er etwa schon Daheim sei. Denn es kam trotz aller Wachsamkeit doch vor, daß der Bursch, den man fangen wollte, entkommen war. Erschien derselbe aber endlich außerhalb des Hauses, so wurde er gefragt, wie er mit dem Mädchen stehe, ob er verlobt sei oder nicht. Gab er eine bejahende Antwort, so ging der ganze Haufe ruhig wieder weg, zog aber sogleich durch alle Straßen Seite 65des Ortes, um die geschehene Verlobung zu verkündigen. Mit lauter Stimme wurde nun gerufen: Wel hew we beet had? = Wen haben wir „beet“ genommen d. h. gefaßt? Sodann wurde laut der Name des jungen Bräutigams bekannt gegeben und darauf gefragt: Wel is’t? (Wer ist es?) — worauf man schließlich den Namen der Braut ausrief. Dieses nächtliche Bekanntmachen eines Verlöbnisses hieß „uutguilen“ d. h. aus voller Kehle etwas ausrufen.
Konnte oder wollte ein auf die eben beschriebene Weise Gefaßter die Frage, ob er mit dem Mädchen ein Verlöbnis eingegangen sei, nicht bejahen, dann wurde er hinweggeführt und an einen breiten Wassergraben gebracht und dort zur Bestrafung seiner zwecklosen und ungehörigen Liebelei an starken Tauen mehrere Male durch die Flut gezogen, worauf man ihn laufen ließ.
Ein früherer Pastor Borkums läßt sich über die Sitte des Beetnehmens im „Ostfriesischen Monatsblatt", Jahrg. 1880 Seite 205, folgendermaßen vernehmen:

„Ward dann der Knabe zum Jüngling, das Mädchen zur blühenden Jungfrau,
Nahte die Zeit des Verliebens, Verlobens, so war es dort Sitte,
Daß man durch Ausruf den Bund publicierte, der richtig geschlossen,
Richtig geschlossen! ja, das war Bedingung und wehe, wenn’s nicht so!
Wie das geschah? Hört: Burschen und Mädchen oft kamen zusammen,
Bald in dem Hause des einen und bald in der Wohnung des andern.
Seite 66 Einmal traktierten die Knaben, das andere Mal wieder die Mädchen,
Aber nicht Schnaps oder Bier, sondern bess’res Getränk: Chokolade.
Dort ward geredet, gelesen, erzählt und auch wohl gefreiet.
Freite ein Bursch um ein Mädchen und hatt’ er das Jawort erhalten,
Notwendig war es dann stets, daß beide sich offen erklärten,
Damit der Ausruf geschehe nach alter Gewohnheit und Sitte.
Schlich aber einsam ein Bursch sich zum Mädchen und meint’ es nicht ehrlich,
Liebelte zwecklos er weiter und scheute die off’ne Erklärung,
Schien er zu foppen das Mädchen, dann folgete scheckliche Strafe:
Habt ihr nicht schon vernommen von jenem „Beetnehmen“ auf Borkum?
Sämtliche Burschen besetzten das Haus, wo die Liebenden weilten,
Drauf trat einer herein, wenn die Thür nicht verriegelt war und forderte off'ne Erklärung,
Damit der Ausruf geschehe nach Borkumer Sitt’ und Gewohnheit.
Ward sie verweigert, so ward ’ne Zeitlang das Mädchen verachtet,
Aber der Bursch ward gefaßt, um den Leib ein Tau ihm geschlungen,
Fort dann mit ihm zum Flüßchen, das „lange Wasser“ geheißen.
Dreimal ward er gezogen hindurch trotz Sträubens und Wehrens,
Seite 67 Darauf entlassen, kuriert von der unechten Weise des Freiens,
Denn solch’ Gericht sollte lehren: der Brautstand sei ehrbar und züchtig.”

So war das „Beetnehmen” auf Borkum in früheren Zeiten; jetzt ist diese Sitte längst abgekommen, wie auch das Winkeln; für letzteres giebt es Klubs und Vereine mit ihren Bällen und Festlichkeiten, wovon bald die Rede sein wird.

d. Verlobung und Heirat.

Die Sittenstrenge der damaligen Zeit ließ eine uneheliche Geburt nur äußerst selten vorkommen. Und kam ein solcher Fall dennoch einmal vor, dann wurde das schuldige Mädchen der allgemeinen Verachtung preisgegeben. — Siehe die Geschichte von „Malle Geertje“ in Funcke’s Reisebildern, Seite 45—54.
In jenen Tagen durfte kein Mädchen mit einem ledigen Manne am Tage ausgehen, sogar dann noch nicht, wenn sie mit ihm auch schon heimlich verlobt war; erst die öffentliche Verlobung erlaubte das. Wollte ein Paar seine Verlobung „ausbringen“, d. h. veröffentlichen, dann besuchte es in der Dunkelheit die nächsten Verwandten, um es denen zuerst anzuzeigen. Feine Verlobungskarten oder -briefe, welche auf Borkum jetzt schon allgemein üblich sind, gab es damals nicht, und wenn man solche auch gekannt hätte, so würde die Sitteneinfachheit jener Zeit sie doch nicht zugelassen haben. — Das sogenannte Ausbringen einer Verlobung geschah am Sonntage, indem die Verlobten in Begleitung der Eltern zur Kirche gingen. Dabei war es Sitte, daß sie auf der Bank der Eltern des Bräutigams Platz nahmen, Seite 68und nicht, wie es heute üblich ist, auf derjenigen der Eltern der Braut. — Die Trauung des jungen Paares geschah in der Kirche. Das Hochzeitsmahl wurde wiederum nicht im elterlichen Hause der jungen Frau, sondern in demjenigen des jungen Ehemanns gehalten. Dasselbe war, entsprechend den damaligen wirtschaftlichen Verhältnissen, sehr einfach und bestand in einer meel pöll d. h. einem Kuchen ohne Hefen aus Weizenmehl, welcher in einem Beutel (pöll) gar gekocht wurde. Am Nachmittage gab es Thee mit englischen Kuchen dabei, die aber nicht aus England stammten, sondern auf der Insel selbst gebacken waren. Die Neuvermählten gaben nun das sogenannte Kronengeld, welches, ursprünglich zum Vertrinken bestimmt, später kirchlichen Zwecken zugewiesen wurde.
So einfach wie früher geht es jetzt bei Verlobungen und Heiraten nicht mehr zu; man versendet nicht bloß die feinsten Verlobungskarten, sondern man kennt auch schon Polterabende und große, reiche Hochzeitsmahle, welche von den Eltern der jungen Frau in dem Saale eines Hotels gegeben werden.

e. Klubs und Vereine, Bälle und Festlichkeiten.

Die meisten Badegäste meinen, im Winter müsse es auf Borkum „tödlich einsam“ sein, und sie schütteln sich vor Grauen, wenn man sie einladet, einmal die Wintermonate auf unserer lieben Insel zuzubringen und dabei vielleicht noch erwähnt, daß es vorkommen kann, wochenlang eingefroren und von der Außenwelt abgeschnitten zu sein. Man Seite 69kann ja gerne zugeben, daß für einen einzelnen Fremden welcher keinen Anschluß sucht, in solcher Lage das Gefühl gänzlicher Vereinsamung sich einstellen könnte, namentlich wenn er aus einer großen Stadt kommt und die Genüsse des großstädtischen Lebens, an welche er gewöhnt ist, hier keineswegs wiederfindet. Aber macht er bescheidenere Ansprüche, so wird er finden, daß auf unserem Eilande doch „was los“ ist. Und ist der Winter zu Ende, und er hat alles mitgemacht, dann wird er mit wehmüthigem Blick auf seine Kasse aus vollsjter Überzeugung gestehen müssen, daß auf Borkum sogar „sehr viel los“ ist.
Wenn man die Klubs und Vereine aufzählt, welche hier sind, so kommt eine stattliche Zahl heraus. Da sind zuerst drei Kegelklubs; welche je einen Abend in der Woche vom 1. Oktober bis zum 30. April bezw. 31. Mai zu fröhlichen, erheiterndem Spiel zusammen kommen. Einmal im Winter nehmen auch die Damen der Klubmitglieder teil, um in einem fröhlichen Preiskegeln auch einmal die Kugeln über die Bahn rollen zu lassen; sie werfen zwar manchen Pudel, aber auch hie und da eine Gassenkugel, welche „Acht“ oder „Neun“ bringt. Die Genüsse des Abend3 werden gemeiniglich noch durch ein einfaches Festmahl erhöht. Im Juni macht der eine Klub mit seinen Damenı eine Wagenfahrt zum Ostlande, bei welcher selbstverständlich der Rest des Kassenbestandes umgebracht wird. — Verschiedene Herren haben sich ferner noch zu einem Skatklub zusammengethan, welcher dem Vernehmen nach auch schon Damenabende hat.
Ursprünglich bestanden hier nur zwei Vereine, nämlich der Verein „Meereswogen“ (gemischter Seite 70Chor) und der Kriegerverein, welcher außer den eigentlichen Vereinsabenden auch wöchentlich einmal zum Singen sich versammelt. Beide Vereine sind noch in Blüte, ersterer hat zwei Winterfeste, letzterer eins. Die Festlichkeiten schließen immer mit einem Ball. Der Gesangsverein „Meereswogen“ macht jedes Jahr unter großer Begleitung auch von Nichtmitgliedern eine Lustfahrt entweder nach Groningen, Norden, Norderney oder einem andern Orte. — Ein Männergesangverein, welcher noch keinen Namen hat, ist vor kurzem gegründet worden, um einem „tiefgefühlten Bedürfnisse“ entgegen zu kommen. Und wenn der Leser nun noch hört, daß neben diesen Gesangvereinen vor einigen Jahren noch ein Musikverein sich gebildet hat und außerdem eine Feuerwehrkapelle, so wird er gewiß nicht leugnen wollen, daß die Borkumer musikliebende und musikalische Leute sind, welche das bekannte Wort: Frisia non cantat gründlich zu Schanden machen.
Damit der Leib geschmeidig und kräftig werde, zugleich auch, um sich beizeiten und gut vorzubereiten auf den Militairdienst, hat vor etlichen Jahren eine Schar von jungen Leuten einen Turnverein gegründet. Die Turner machen jährlich einmal an einem Sonntage unter Vorantritt ihrer Trommler und Pfeifer einen Ausflug nach der steerenkklip, oder sie begeben sich zu dem 10 Minuten vom Orte entfernten Kaffeehause „Upholm“, um dort in einen Schauturnen die durch fortgesetzte, geregelte Übungen erlangte Fertigkeit in der edlen Kunst vor einer großen Volksmenge zu zeigen.
Die freiwillige Feuerwehr, zu welcher sich eine ziemliche Anzahl stattlicher Männer zusammengethan hat, Seite 71versammelt sich an jedem Sonntagmorgen des Monats zu einer Übung. welche nur in der Saison ausfällt; und rückt die behelmte Schar — ihre tüchtig geleitete Musikkapelle an der Spitze — wieder in den Ort ein, dann treten viele Leute vor die Thür, um den schönen Weisen zu lauschen, welche die Kapelle spielt.
Musik- und Turnverein und die freiwillige Feuerwehr haben wie die andern Vereinigungen ihre Festabende mit Theatervorstellungen und nachfolgendem Ball.

V. Sagen.

1. Störtebekers Schatz.

Wir wissen aus der Geschichte, daß gegen Ende des 14. und zu Anfang des 15. Jahrhunderts Seeräuber auf der Nordsee ihr unheilvolles Wesen trieben. Unter diesen war Klaus Störtebeker einer der berüchtigsten. Endlich gelang es den Hamburgern, denjelben bei Helgoland zu überrumpeln und nach hartem Kampfe mit mehr als siebzig seiner Spießgesellen gefangen zu nehmen. Sie wurden alle nach Hamburg gebracht und auf dem Marktplatze daselbst öffentlich enthauptet. An den ostfriesischen Küsten hatten die Piraten ihre Schlupfwinkel, namentlich zu Marienhave, wo noch jetzt der hohe Turm und Störtebekersdeep (Kanal) an den berüchtigten Mann erinnert. Auch auf Borkum, wo damals eine gute, geschützte Rhede war, mochten die Räuber ihr Versteck haben und auf Beute lauern. An Klaus Störtebeker hat die Insel eine bleibende Erinnerung in den Woldedünen, wo er kurz vor seiner Gefangennahme Seite 72einen großen Teil seiner Schätze vergraben haben soll. Die hiesigen Einwohner sagen, die daselbst verborgenen Reichtümer seien so bedeutend, daß Borkum auf immer dadurch reich werden könne, falls sie gefunden würden. Ein alter darauf bezüglicher Reim lautet:

Indien de woldeduinen konden spreken,
Zou het Borkum nooit aan geld gebreken.
Deutsch:
Wenn die Woldedünen könnten sprechen,
Würd’ es Borkum nie an Geld gebrechen.

Gar oft mögen Knaben, welche hinauszogen, den sagenhaften Schatz zu heben, im Schweiße ihres Angesichts in den Dünen gesucht und gewühlt haben, ohne jemals von ihren Entdeckungsreisen etwas anderes heimzubringen, als Schuhe voll Sand und höchstens eine Mütze voll Eier der Anas tadorna (Brand- oder Bergente), — So ruhen bis auf den heutigen Tag unentdeckt im Sande der Woldedünen die ungeheuren Schätze Klaus Störtebeker’s, des sagenumwobenen Seeräubers.

2. Kampf der Frauen Borkums gegen die Seeräuber.

Eine andere Sage versetzt uns in die Zeit, wo die Männer zur See gingen und nur Frauen und alte Leute daheim blieben. Es war im Sommer des Jahres 1623. Die Frauen besorgten das Hauswesen und arbeiteten im Garten oder auf ihren Feldern, und einige Greise saßen im warmen Sonnenschein auf einer Bank und erzählten einer Schar Kinder, die bei ihnen im Sande spielten, von den Seereisen, die sie einst gemacht, und von fremden Ländern und Völkern, welche Seite 73sie gesehen hatten. So lag das Inseldörfchen da, ein Bild des Friedens. Da, horch! ein lautes, ängstliches Rufen! Sollten in einem Hause, wo die Mutter im Garten arbeitet, die Kinder unvorsichtig das sorgfältig zugedeckte Feuer auf dem Herde wieder angefacht und einen Brand entzündet haben? Aber von Rauch und Qualm ist nichts zu sehen. Da stürzt atemlos ein Knabe herbei, der die Kühe zur Melkstätte heranholen wollte, und erzählt, ein großes Schiff, vielleicht „ein Seeräuber”, habe nahe dem Südstrande sich vor Anker gelegt, gewiß führe es Böses im Schilde. Aus der vernommenen Beschreibung erkennen die kundigen Greise, daß das fremde Schiff der gefürchtete „schwarze Rolf” sei. Entsetzen ergreift die rasch herbeigekommenen Frauen, wenn sie daran denken, was ihrer und ihrer Angehörigen wartet, wenn die Seeräuber landen und das Dörfchen überfallen. Aber darin sind sie einig, nachdem sie die lähmende Furcht abgeschüttelt haben, daß sie gutwillig sich nicht ergeben, sondern für ihre Ehre und den heimischen Herd kämpfen wollen. Alsbald eilen sie beflügelten Schrittes hinaus zu den Süddünen, wo in einem hölzernen Häuschen eine Kanone steht, deren Handhabung sie von ihren Männern wohl gelernt haben. Diese Kanone ziehen die kräftigen Weiber auf diejenige Düne hinauf, welche dem „schwarzen Rolf" gerade gegenüber Liegt. Die Seeräuber lachen, da sie die Schar sehen, welche es wagt, ihnen Widerstand zu thun. Aber bald verschwindet das Lachen von ihren Gesichtern, denn eine schwere Kugel fährt krachend in den Rumpf ihres Schiffes. Nun richten aber auch auf die mutigen Kämpferinnen vor ihnen die Seite 74grimmigen Seeräuber ihre Kanonen, welche unter gewaltigem Donner ihre erste entsetzliche Ladung schleudern; aber die Kugeln treffen nicht, sie sind in den Sand der Dünen gefahren. Die Frauen haben inzwischen wieder geladen, und, bevor noch die Piraten eine zweite und vielleicht erfolgreichere Salve abgeben können, zerschmettern sie durch einen folgenden glücklichen Schuß das Steuerruder des stolzen Dreimasters, der nun hülflos auf den Wogen schaukelt. Ein dritter Schuß endlich nimmt dem großen Schiffe den Hauptmast weg. Da zieht der Corsar die weiße Flagge auf, ein Zeichen, daß die Mannschaft um Frieden bittet. Nun fordern die Siegerinnen, daß die Seeräuber einzeln und unbewaffnet ans Land kommen sollen. Das geschieht, und alle werden gebunden und geknebelt: und in den untern Raum des Turmes geworfen. Das Schiff wird zur Rhede geführt, und die Schätze der Seeräuber werden redlich geteilt.
So war die Gefahr von der Insel abgewandt. Was mit den Gefangenen geschehen ist, ob sie auf der Insel getötet oder nach dem Festlande zur Aburteilung geführt worden sind, darüber berichtet die Sage nichts.

3. Die Verbrennung von Spinnrädern und Haspeln durch Borkums Frauen.

Noch einmal beschäftigt sich die Sage mit Borkums Frauen, aber diesmal weiß dieselbe von ihnen nicht Ruhmwürdiges zu berichten, sondern vielmehr etwas, welches ihren früheren Ruhm sehr verdunkelt.
Wir haben im zweiten Abschnitt gesehen, daß in dem letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts Seite 75der Walfischfang, auf welchem der Wohlstand der Insel beruhte, auf einmal aufhörte, und daß die Einwohner ganz verarmten. Der plötzliche Übergang von Wohlhabenheit zur bittersten Armut hatte die Leute geradezu betäubt und wutlos gemacht zur Arbeit, und das umsomehr, als in den Zeiten des Glanzes namentlich die Frauen um das tägliche Brot nicht zu sorgen brauchten. Nun sollten sie mit den Männern einen Teil des täglichen Brotes verdienen und zwar durch Spinnen und Stricken. Der König Friedrich Wilhelm II hatte aus landesväterlicher Fürsorge den Insulanerinnen achtzig Spinnräder und vierzig Haspeln geschenkt und dabei, wie wir schon wissen, fünf Prämien zu je 10 Thalern für fleißige und geschickte Spinnerinnen ausgelegt, um zur Arbeit zu ermuntern. Aber leider waren die Frauen ernstlicher Arbeit ganz entwöhnt, und vor allen Dingen schien ihnen die Spinnerei und Haspelei als eine ihrer selbst und ihrer ruhmvollen Vergangenbeit unwürdige Beschäftigung. Da vereinigen sich die Weiber wiederum zu einer gemeinschaftlichen That, aber diesmal nicht, um einen Feind abzuwehren, sondern um sämtliche Spinnräder und Haspeln — zu verbrennen.
Die Überlieferung redet von der Spinnräder- und Haspelverbrennung als von einer geschichtlichen Thatsache und bezeichnet als Ort dieses Geschehnisses die Äcker zwischen der Pastorei und der neuen evangelichen Kirche.

4. Die Sage von der „Dodemannsdelle.“

Wenn wir von dem alten Leuchtturm aus die „große Straße“ hinunter zum Strande und Seite 76auf der Mauer weiter zur Viktoriahöhe gehen und uns dann düneneinwärts wenden, so kommen wir bald in ein breites, langgestrecktes Thal, das sich nach Osten bis an den Pfad erstreckt, welcher vom Dorfe über Upholm zum Ostlande führt. Dieses Thal heißt die Wasserdelle, weil es die meiste Zeit des Jahres hindurch voll Wasser steht. Der dem Strande zunächst gelegene Teil dieses Thales wird „Dodemannsdelle“, d. i. Thal des toten Mannes, genannt und soll davon seinen Namen haben, daß hier vor vielen, vielen Jahren mehr als dreihundert Leichen, von einem großen Kriegsschiffe kommend, begraben sein sollen.
Wie kann dies zugegangen sein? Versetzen wir uns in Gedanken in die Zeit, in welcher noch keine Tonnen und Baken das tiefe Fahrwasser markierten, und wo noch kein genügendes Leuchtfeuer bei Nacht dem Schiffer die Nähe der gefährlichen Küste anzeigte.
Es ist um die Zeit der Tag- und Nachtgleiche. Ein heftiger Südwind weht schon tagelang und hat nun, durch Westen nach Nordwesten umspringend, zu einem furchtbaren Sturme sich erhoben. Das flackernde Kohlenfeuer auf hohem Gerüst am Weststrande der Insel ist zuletzt von dem Orkane ausgeblasen worden, und ängstlich eilen die Wärter heim zu ihren Wohnungen, denn ein solches Unwetter haben sie kaum jemals erlebt. Da kracht, durch das Brausen des Sturmes und das Prasseln der niedersaufenden Hagelschlossen deutlich vernehmbar, ein Kanonenschuß, noch einer und wieder einer. Kein Zweifel, ein Schiff ist in Not! Doch wie helfen? Mitten in der dicksten Finsternis, denn es ist eben nach Neumond, zum Strande zu Seite 77gehen, wagt keiner und kann auch nichts nützen. Zu entsetzlich ist das Unwetter! Angstvoll sitzen die erschreckten Einwohner in ihren Häusern. Gegen den Morgen hin legt sich der Orkan etwas, und im ersten Tagesgrauen schon eilen die Männer hinaus zum Strande. Da sehen sie ganz nahe ein großes Kriegsschiff als hülfloses Wrack vor sich liegen. Die Masten sind gebrochen und die Segel zerrissen, die Wogen — denn die Ebbe ist erst halb abgelaufen — branden donnernd über das Schiff hinweg. Da, was ist das? Ein Leichnam, an welchen der eilende Fuß gestoßen hat! Nun geht man suchend den Strand entlang und findet unter allerhand Schiffstrümmern eine große Menge Menschen, meist Kriegsleute, ertrunken auf dem nassen Sande liegen; mehrere liegen noch in der Brandung, und die Wellen spülen sie hinauf auf das Trockene und ziehen sie, zurück laufend, wieder hinab, gleichsam mit ihnen spielend, wie das Raubtier mit seiner Beute. Die Männer finden in dem großen Wrack, welches sie, nachdem das Wasser einigermaßen abgelaufen ist, bestiegen haben, der Leichen noch viel, viel mehr. Im ganzen sind es über dreihundert, denen sie in einem nahen Thale die Gruft graben müssen. Seitdem heißt dieses Thal die „Dodemannsdelle“.

VI. Kirche.

Aus der Zeit vor der Reformation wird uns kein einziger Geistlicher der Insel namhaft gemacht.
Die Kirchengemeinde, von welcher jetzt schon ein erheblicher Teil lutherisch ist, war früher ganz Seite 78reformiert. Als erster Prediger wird uns ein Herr Galtet genannt, dessen ums Jahr 1554 Erwähnung gethan wird. Sein Nachfolger war Pastor Remke, aus dessen Zeiten das hiesige Kirchensiegel stammen soll. Man sieht auf demselben einen Vogel auf einer Düne stehen und ein Schiff im Hintergrunde, und es enthält die Inschrift: Med. tranq. in und. = Mediis tranquillus in undis (ruhig mitten in den Meereswogen). Die Umschrift des Siegels heißt: Sigillum ecclesiae Borcumanae (Borkumer Kirchensiegel). „Es erinnert uns an die Jahre des niederländischen Befreiungskrieges, wo die Wassergeusen auch auf Borkum manchmal erschienen, und sonst evangelische Geistliche sich hier — als einer Bergestatt mitten in Meereswogen — niedergelassen haben mögen.
Der dritte der uns bekannten Prediger ist Daniel Wilhelm Meyer aus Stralsund in Pommern, welcher als Flüchtling über Bentheim nach Borkum kam. Er ist dadurch bekannt, daß er im Jahre 1618 dem Magistrate zu Emden zwei von ihm verfertigte Gedichte zum Lobe der Stadt einsandte. Houtrouw: Geschichtlich-ortskundige Wanderung durch Ostfriesland.
Bis zum Jahre 1637 war hier Prediger Gerlacus Gerlaci, über dessen Amtsantritt nichts bekannt ist. Ob er unmittelbar auf D. W. Meyer gefolgt ist, ist demnach nicht festzustellen. In dem genannten Jahre siedelte Gerlaci nach Greetsiel über; auf ihn folgte warscheinlich Johannes Hermanni, welcher gegen Ende des dreißigjährigen Krieges auf Borkum starb.
Von nun an läßt sich die Reihe der Prediger Seite 79genau verfolgen. — Nach Hermanni’s Tode wurde auf Wunsch der Gemeinde Pastor hieselbst Gerhard Loeling, welcher sich später Loling schreibt. Söhne von ihm, die sich Lolling nannten, blieben auf dem Eilande wohnen.
Pastor Loling ist ein höchst unwürdiger Geistlicher gewesen. Die Gemeinde mußte sich über ihn beschweren und warf ihm in ihrer Beschwerde vor, daß er die Einwohner beschimpfe, daß er im Zorne Kindersärge aus dem Friedhofe wieder herausgegraben; ferner, daß er Kollektengelder, zur Ausbesserung der Kirche bestimmt, unterschlagen habe; daß er selber keine Schule halte, wie er übernommen, und daß er einen von der Gemeinde angestellten und bezahlten, guten Lehrer vertrieben habe. Zur Absetzung des Loling kam es indes nicht, er mußte aber Besserung geloben. Er starb im Jahre 1678.
Sein Nachfolger war Rudolf von Tellinghausen aus Overyssel, der 1687 nach Logumer Vorwerk und im folgenden Jahre nach Canum berufen wurde, wo er 1727 starb.
„Auf ihn folgte Gerhard Ochenga aus Emden, welcher aber 1694 sein Amt niederlegte, um sich in seine Vaterstadt zurückzuziehen.
An seine Stelle trat Jakob Spyk, aus dem Haag gebürtig, der 1701 nach Campen berufen wurde, worauf ein Hesse, namens Schmidt, auf Borkum Pastor wurde. Er amtierte aber nur einige Monate, weil er kein Holändisch konnte und deshalb den Insulanern unverständlich blieb.” Herquet, Borkum in kulturhist. Beziehung. S. 55.
Der folgende Pastor war Samuel Snethlage Seite 80aus der Grafschaft Moers; er wurde 1702 eingeführt. Derselbe verheiratete sich mit einer Insulanerin. Anfangs scheint er sein Amt gut verwaltet zu haben, indessen ließ er bald in seinem Eifer nach. Mit Leidenschaft betrieb er als Mitpächter die Kaninchenjagd; jedoch machte ihn dieser Sport nicht gerade unbrauchbar für sein Amt, verderblich für ihn wurde seine immer mehr zunehmende Trunksucht. Im Zustande der Trunkenheit machte er unsittliche Angriffe auf eine gewisse Christine Gisberts, in deren Haus er öfter hineinging; schlug seine Frau und seine Schwiegermutter und beging allerlei andere Excesse, die ihn, wie ehedem Lolling, als einen des Pfarramts höchst unwürdigen Menschen erscheinen lassen. So konnte es denn nicht ausbleiben, daß die Gemeinde beschwerdeführend gegen ihn vorging und seine Absetzung verlangte. Diese wurde denn auch am 25. April 1713 von dem Consistorium in Aurich ausgesprochen. Ein von ihm eingereichtes Gnadengesuch wurde verworfen.
„Der Nachfolger des abgesetzten Snethlage war Johann Jakob Monnink, der sich später Munningh schreibt. Er stammte aus dem Groningerlande und wurde am 4. Juni 1713 eingeführt. Über die Streitpunkte, die Snethlage mit der Gemeinde gehabt, wurde unterm 17. Juni ein längeres Dekret an Monnink erlassen, von dem man die Erwartung aussprach, er werde dem Frieden nachjagen.” Herquet S. 99. — Auf Befehl des Consistoriums legte er zwei neue Kirchenbücher an behufs Aufzeichnung der Copulierten, Geborenen und Gestorbenen, worüber Snethlage nur ganz willkürliche Notizen gemacht hatte. Die alten Kirchenbücher Seite 81bis Snethlage’s Zeit sind verloren gegangen, so gehen die Borkumer Protocolle nur bis zum Jahre 1713 zurück.
„Im Sommer 1720 hatte man begonnen, die Kirche zu vergrößern, doch mußte man 1731 zu einem vollständigen Umbau schreiten. — Im März 1733 wurde der Prediger Monnink nach Freepsum berufen, wo er 1740 starb.
Das Verhältnis zu seiner Gemeinde war kein glückliches gewesen. Im Herbste 1728 klagte er der Regierung, daß er als schwacher, kranker Mann zweimal des Sonntags zu predigen gezwungen sei und zwar vor leeren Bänken. Als er wegen Krankheit einst die Kirche verlassen habe, hätten die Leute ihn an den Armen zurückgeschleppt. Die ihm zustehenden Kaninchen würden von den Pächtern ihm nicht geliefert, bei Strandungen würde er nicht zugezogen, auch sonst begegneten ihm die Insulaner feindselig und hielten gegen ihn zusammen. Über diese Beschwerden ließ die Regierung den Vogt und zwei ältere Insulaner vernehmen, die erklärten, der Pastor sei nicht allein sehr gesund, sondern auch, so dick und fett wie zwei andere Leute. Er habe sich bei seiner Berufung anheischig gemacht, zweimal des Sonntags und einmal des Freitags zu predigen und Mittwochs zu katechisieren, er predige aber überhaupt jetzt nur einmal und entzöge sich ganz seiner Gemeinde. Von der Geschichte des Zurückschleppens in die Kirche hätten sie nie etwas gehört. Dagegen wurde im Jahre 1730 festgestellt, daß er niemals den Gottesdienst zur rechten Zeit halte, in den Singzetteln wider verschiedene Glieder der Gemeinde allerhand unanständige Expressiones brauche, Seite 82auch sie durch Leben und Wandel nicht wenig ärgere. Monnink versprach damals vor dem Amtsverwalter und den Landsmännern Borkums, sich zu bessern. Auch später machte die Insel mit ihren Predigern noch merkwürdige Erfahrungen.“ Herquet S. 105.
Auf Pastor Monnink folgte im Borkumer Pfarramte Hiskias Kranenborg. Er war der Sohn eines Predigers in dem Groningerlande. Seit 1728 war er Seelsorger der Gemeinde zu Canum, von wo er 1731 nah Manslagt kam. Nach zwei Jahren siedelte er nach Borkum über und starb hier nach vierzigjähriger Dienstzeit am 3. März 1773 im 71. Lebensjahre.
Sein Nachfolger wurde Nikolaus Nicolai, bisher Prediger zu Wybelsum; derselbe starb aber schon am 6. März 1784. — Nun folgten nach einander zwei Brüder, Verwandte des vorigen; sie stammten aus Visquard. Zuerst erhielt die Borkumer Pfarre der Candidat Dietrich Nicolai, welcher Mitte 1793 einem Rufe der Gemeinde zu Hatzum folgte. Als sein Bruder, der Candidat, Hermannus Nicolai, seine Stelle antreten wollte, weigerten sich die Insulaner, das bisherige Firum von 550 Fl. holl. (gegen 400 Fl. früher) weiter zu zahlen. Die Glanzzeit des Eilandes war ja vorbei, und die Leute hatten ihr Geld selber außerordentlich nötig; schließlich boten sie 420 Fl., was Nicolai annahm. Allein er verließ seine armen Schäflein schon nach Jahresfrist, um die viel reichere Herde zu Loppersum zu weiden; auch brachte ihm sein Hirtenamt daselbst mehr ein.
Die Borkumer Stelle erhielt Gerhard Hinrich Swartte, welcher wie die beiden vorigen aus Seite 83Visquard stammte. Er war bisher Prediger zu Hoogeveen in der Landschaft Drenthe gewesen und wurde am 6. September 1796 in sein neues Pfarramt eingeführt, welches ein ganzes Jahr lang unbesetzt gewesen war. Swartte blieb bei seiner armen Borkumer Gemeinde auch nicht lange und folgte schon 1802 einem Rufe nach Gaast und Terwoude in Westfriesland.
Im selben Jahre erhielt die verwaiste Herde indessen einen neuen Hirten in der Person des Candidaten Gerhard Boekhoff aus Weener, der sich leider bald dem Trunke ergab und dadurch sein Ansehen bei der Gemeinde einbüßte.
Kirche, Pastorei und Schule befanden sich damals in einem höchst baufälligen Zustande. Ihre Wiederherstellung sollte 3500 Thaler kosten. Aber da die Gemeinde ganz mittellos war, so wurde eine Hauskollekte durch ganz Ostfriesland bewilligt. Sämtliche Behörden waren angewiesen worden, die Einsammlung durch ihre Organe und die Prediger vornehmen zu lassen, so daß die Gemeinde Borkum weiter nichts zu thun hatte, als die eingekommenen Kollektengelder abholen zu lassen. Zu diesem Behufe wurden neben dem Prediger noch fünf andere Männer entsandt. Die Abgesandten bekamen im ganzen 2096 Thaler, wovon sie aber die unverhältnismäßig große Summe im Betrage von 865 Thalern als Verzehrungskosten und als Entschädigung für Arbeitsversäumnis in Abzug brachten, so daß also nur 1231 Thaler übrig blieben. Dazu kamen noch 300 Thaler, welche die Landschaft bewilligt hatte, und reichlich 900 Thaler, welche in andern Provinzen des Königreichs für Borkum gesammelt worden waren. Seite 84 „Die fehlende Summe im Betrage von 1060 Thalern schenkte endlich noch der König durch Kabinetsordre vom 8. April 1806. Das Geld wurde aus dem 3500 Thaler betragenden fiskalischen Anteile an dem bei Borkum gestrandeten Schiffe „Maria Magdalena“ entnommen.“
Die Schule scheint von dem Gelde wenig abbekommen zu haben, weil ihr einige Jahre nachher bereits der Einsturz drohte, so daß 1818 ein anderes Haus angekauft wurde, um eine Schule daraus zu machen.
Für den kränklichen Pastor Boekhoff, welcher bereits am 13. September 1808 starb, erhielt die Gemeinde einen neuen Geistlichen in dem Candidaten Nalritus Tormin aus Hinte. Derselbe folgte aber gewiß nicht ungern einem Rufe nach Wybelsum (1812), es nicht besser machend, als einige seiner Vorgänger, die auch um äußerer Vorteile willen die entlegene, verarmte Borkumer Gemeinde verließen.
Tormin’s Nachfolger war wieder ein Candidat, nämlich Jan Cornelius Billker aus Greetsiel. „Eingesetzt durch Dekret des Kaisers Napoleon d. d. St. Cloud den 19. August 1813, wurde er auf der Präfektur zu Aurich den 14. Oktober pflichtbar gemacht. Seine Confirmation und Introduction fand zu Manslagt den 14. November statt, worauf Billker nach der Insel abging.“ Herquet, S. 145. Dieser sehr thätige und tüchtige Mann siedelte nach zwölf Jahren nach Upleward über, um später die reich dotierte Pfarre zu Klein-Midlum zu übernehmen, wo er als Superintendent gestorben ist.
Auf ihn folgte in dem nun wieder erledigten Seite 85Borkumer Pfarrdienste W. B. Knottnerus aus Hinte, welcher nach 36jähriger Wirksamkeit in demselben 1861 in den Ruhestand trat.
Nun wurde die Stelle nach einander den Candidaten Mecima-Pannenborg aus Mitling und O. G. Houtrouw aus Gandersum verliehen, welche aber beide die Insel rasch wieder verließen. Sie sind heute noch in Dienst, ersterer zu Klein-Midlum, letzterer zu Neermoor.
Der Nachfolger dieser beiden wurde der Candidat N. Mecklenburg aus Leer, welcher im Jahre 1867 seine Stelle antrat und nach 15jähriger Thätigkeit nach Niederhausen bei Kreuznach versetzt wurde, wo er noch wirkt.
Nun blieb die Stelle neun Monate hindurch unbesetzt. Während der Sommerzeit wurde der Dienst durch auswärtige Geistliche aushülfsweise versehen, allein vom 1. Oktober 1883 bis zum 1. April 1884 war die bereits zu einer stattlichen Seelenzahl herangewachsene Gemeinde ganz ohne geistliche Bedienung. Zum 1. April des letztgenannten Jahres wurde von dem Königlichen Consistorium die hiesige Pfarrstelle dem gegenwärtigen Inhaber, Pastor Sluyter aus Barmen, verliehen.
Mit dem Orte Borkum ist im Laufe der Zeit manche Veränderung vorgegangen. Wir haben gehört, daß derselbe im vorigen Jahrhundert zu einer ansehnlichen Gemeinde emporgeblüht war mit neuntehalbhundert Einwohnern, die durchweg in gutem Wohlstande lebten, und daß dann nach dem plötzlichen Versiegen der bis dahin so ergiebigen Einnahmequellen Borkum zu einem armen Dörflein mit wenig mehr als vierhundert Menschen herabsank. Seite 86 Erst Anfang der siebziger Jahre begann das Bad hieselbit sich zu entwickeln, und mit der Entwickelung des Bades stieg auch bald die Einwohnerzahl, welche am 1. December 1875 bereits 574, bei der Volkszählung am 1. December 1895 aber schon 1634 betrug.
Bei dieser Bevölkerungsziffer hätte das alte Gotteshaus bei genügendem Besuche vonseiten der Insulaner schon seit Jahren nicht mehr für die eigenen Bedürfnisse ausgereicht, was man an hohen Festtagen, an welchen die Leute in größerer Zahl als sonst zur Kirche zu gehen pflegen, deutlich sehen konnte; viel weniger also konnte der beschränkte Raum in der Badezeit die Zuhörer fassen. Und wenn die Kirche recht gedrängt voll war, so war die Luft in derselben so unangenehm und drückend, daß öfter Personen Ohnmachtsanfälle bekamen. Man plante darum seit etlichen Jahren schon einen Erweiterungsbau und sammelte zu dem Zwecke in der Badezeit von den Kurgästen Gaben ein, die so reichlich flossen, daß in nicht gar langer Zeit eine Summe von 25000 Mk. beisammen war. Der anfängliche Plan betr. Erweiterung der alten Kirche war inzwischen aufgegeben und ein völliger Neubau, dessen Kosten 100 000 Mk. nicht übersteigen sollten, beschlossen worden.
Dieser Neubau, für welchen man Zeichnungen Kostenrechnungen von dem Baurat March in Charlottenburg anfertigen ließ, ist im vergangenen Frühjahr angefangen worden und wird wohl gegen Anfang der diesjährigen Saison vollendet sein. Der Grundstein ist am 30. Juni 1896 in Gegenwart des Herrn Generalsuperintendenten' Consistorialrats Dr. theol. Bartels aus Aurich, Seite 87der Königlichen Kirchencommission, nämlich des Herrn Superintendenten Sanders aus Westerhusen und des Herrn Landrats von Frese aus Emden, des Ortsgeistlichen, Herrn Pastor Sluyter, des hiesigen Kirchenrats und der Gemeindevertretung und einer großen Festversammlung feierlich gelegt worden. Bei dem darauf folgenden Festmahle im W. Bakker’schen Saale hieselbst trug ein zur Kur hier weilender Geistlicher, Pastor Weller aus Steele, ein von ihm verfaßtes, tief empfundenes Gedicht vor, welches mit gütiger Erlaubnis des Verfassers hier abgedruckt werden darf. Das Gedicht lautet, wie folgt:

Es liegt ein Eiland im nordischen Meer,
Die Möve fliegt krächzend darüber her,
Die Welle, sie brauset heran zum Strand,
Grüß Gott, grüne Insel im Friesenland!
Du traut Asyl, das Tausend angezogen,
Liegst „still und ruhig mitten in den Wogen!”

Es ragt ein Turm in die blaue Luft,
Rings schläft mancher Müde in stiller Gruft;
Und drinnen im Kirchlein schallt Gottes Wort,
Weist dem Lebensschifflein den Ruheport.
Du alter Leuchtturm, der noch nie getrogen,
Ragst „still und ruhig mitten in den Wogen.“

Es steigt aus der Wiese ein neuer Bau,
Stein fügt sich zum Steine auf Borkums Au,
Über’s Jahr, dann zieht die Gemeinde aus
Vom alten zum neuen Gotteshaus.
Die Kirche steht, umwölbt von Friedensbogen,
Dann „still und ruhig mitten in den Wogen.“

Seite 88

Es ringt die Kirche in schwerer Zeit,
Dem Untergang scheinet die Hehre geweiht;
Es schäumet die Welle, es brauset der Sturm,
Doch sieghaft raget der Kirche Turm,
Steht, ob auch von krächzenden Raben umflogen,
Von Gott geschirmt ganz „ruhig in den Wogen.“

Es kämpft manche Seele mit schwerem Weh,
Manch thränenvoll Auge blickt sehnend zur Höh’,
Wohl heilt die Gebrechen die salzige Flut,
Doch ach! wer hebt den gesunkenen Mut?
Der Herr, vor dem einst die Wetter verzogen,
Macht heut’ noch „ruhig mitten in den Wogen.“

So steig’ empor denn zu Gottes Chr’,
Du Inselkirche, als Burg und Wehr;
Laut rufe Borkum dein heil Geläut
Zum Heil, das Gott und in Christo beut!
Der Pilgrim bete hier, fernher gezogen,
In heiliger Stille „mitten in den Wogen.“

Die letzte Zeile jeder Strophe dieses Gedichtes giebt die Inschrift des Kirchensiegels wieder: Mediis tranquillus in undis — ruhig mitten in den Wogen.
Sehen wir uns die alte Kirche, in welcher nach einigen Monaten die Gemeinde zum letzten Male sich versammeln wird, um alsdann in’s neue Gotteshaus überzusiedeln, nun noch einmal an. Sie ist gut erhalten, jedoch klein und unansehnlich, und sieht namentlich neben dem hohen Turme recht gedrückt aus. Inwendig ist sie kahl und ärmlich, von Schmuck ist nicht das Allergeringste vorhanden, nur eine große, schwarze Tafel, welche in der Seite 89Nähe der Kanzel angebracht ist, fällt uns sofort in die Augen. Bei näherem Zusehen lesen wir auf ihr in holländischer Sprache, daß ein ehemaliger Borkumer Commandeur zwei Legate, jedes zu 1000 Fl. holländiich, zum Besten der Kirche und der Armen des Ortes geschenkt hat. Diese Tafel, neben den noch vorhandenen Walfischknochen ein sichtbares Andenken an die alte Glanzzeit des Eilandes, von welcher die alten Leute des gegenwärtigen Geschlechts noch gerne reden und rühmen, lautet folgendermaßen:

Ter eer-en roemvolle nagedagtenis van den Heer Roelof Pieters Meyer, geb. den 17. Aug. te Borcum 1756, gest. den 18. Apr. 1844 te Borkum. in leven commandeur der holl. Groenlands-vischchery, tevens ouderling (zugleich Ältester) dezer gemeente. als stichter van twee legaten, ieder van 1000 Gulden holldoor hem uit zyne nalatenschap toegewezen aan de kerk- en armenkas te Borcum.

Erst seit einigen Jahren besitzt die Kirche eine Orgel, die früher als Hausorgel bei einem Privatmanne in Rheine stand, die aber doch besser ihren Zweck erfüllt, als das Harmonium, welches früher in der Kirche benutzt wurde, und welches jetzt zum Privatgebrauch des Pfarrers im Confirmandenzimmer steht. Ursprünglich mußte der Lehrer den Kirchengesang durch Vorsingen leiten.
Der von der Emder Kaufmannschaft 1576 als Seezeichen erbaute hohe Turm wurde ehemals — wie auch jetzt wieder — als Glockenturm benutzt.
Seite 90 Im Jahre 1765 wurde eine neue Glocke gegossen, die aber später beim Läuten zersprang und verkauft wurde. Die ganz verarmte Gemeinde behalf sich nun viele Jahre lang mit einer Schiffsglocke, welche in einem Holzgerüst an der Südwestecke der Kirche hing; erst vor 14 Jahren ist die jetzt in Gebrauch befindliche hübsche, gut klingende Glocke angeschafft worden. Sie ist 400 kg schwer und wurde durch J. J. Radler und Söhne in Hildesheim gegossen; auf ihr befindet sich folgende Umschrift:

Gegossen 1882 unter der Regierung des Kaisers Wilhelm von J. J. Radler und Söhne in Hildesheim.
Die Lebenden ruf’ ich zum Hause des Herrn;
Die Todten geleit’ ich zur ewigen Ruh’,
Fürchtet Gott und ehret den König!

Die Inangriffnahme des geplanten Neubaus der Kirche ist wegen der bedeutenden Kosten lange hinausgeschoben worden und hätte sich auch wohl noch länger hingezögert, wenn nicht ein günstiger Umstand die Angelegenheit wesentlich gefördert hätte. Der Bergwerksbesitzer Butenberg in Berlin, welcher hier ein Hotel besitzt, schenkte nämlich der evangelischen Kirchengemeinde in höchst uneigennütziger Weise einen von der Regierung angekauften, sehr wertvollen Bauplatz in der Nähe des neuen Leuchtturm mit der einzigen Bedingung, daß die darauf zu erbauende evangelische Kirche „Christuskirche“ genannt werde. Um die Kirche dem alten Dorfe zu erhalten, brachte man von anderer Seite schleunigst eine gewisse Summe Geldes zusammen, wofür der jetzige Kirchenbauplatz angekauft und gleichfalls der Gemeinde als Geschenk Seite 91angeboten wurde. Da nun die Gemeinde unter zwei Plätzen wählen konnte, so lehnte man den Butenberg’schen Platz ab, weil man nicht Unrecht hervorhob, derselbe liege zu weit außerhalb des Ortes, und die Kirche müsse doch, wenn irgend möglich, in der Mitte des Dorfes liegen, um von allen Seiten bequem erreicht werden zu können.
Die neue Kirche ist außerordentlich solide gebaut. Man kann hier ohne Übertreibung behaupten, daß das Werk den Meister lobt, und zwar sowohl den Meister, der den Plan dazu erdacht, als auch den, der nach denselben die schöne Kirche ohne jeglichen Unfall hat ausführen lassen. Der prächtige Neubau hat über 900 Sitzplätze; er ist eine große Zierde des ganzen Ortes, kaum eine Landkirche Ostfrieslands wird mit unserm schönen Gotteshause den Vergleich aushalten können.
Herr Butenberg hat nun den hiesigen Evangelischen lutherischen Bekenntnisses, welche die Gründung eines eigenen kirchlichen Gemeindewesens anstreben, seinen Bauplatz geschenkweise überlassen.
Da die Hauskollekte, welche in der Provinz Hannover für unsere neue evangelische Kirche abgehalten worden ist, nur einen Teil der Baukosten decken wird, so ist nicht zu bezweifeln, daß die: Kurgäste Borkums auch weiter noch für den dringend notwendig gewordenen Neubau gerne ihre milde Hand aufthun werden.
Über die Zeit der Erbauung der ersten Kirche auf Borkum läßt sich Gewisses nicht sagen. Es erscheint nicht ausgeschlossen, daß die ersten Wiederbesiedler der Insel auch gleich an die Gründung einer Kirchengemeinde gedacht haben, Seite 92da bei der Pfarre hierselbst recht viel Grünland als Dotationsland ist, welches sie vielleicht von Anfang an dafür aussonderten und bestimmten; indes ist diese Annahme kaum mehr als eine Mutmaßung, da Schriftliches darüber nicht vorhanden ist.
Ursprünglich bildeten die Einkünfte der Pfarrländereien den Hauptteil der Einnahmen des Geistlichen; im 18. Jahrhundert aber wurde dessen Gehalt fixiert, weil in Borkums Glanzperiode niemand Land pachten möchte und also das Pfarrland wenig einbrachte. Zum Einkommen gehörte ehedem noch die Lieferung von Gerste und einer gewissen Anzahl von Kaninchen und Gänsen; jetzt wird dafür eine Geldentschädigung an den Pfarrer aus der Kirchenkasse bezahlt. In den Zeiten des Verfalls der Insel wurde die Fixierung der Pfarreinnahmen wieder aufgehoben, und der Prediger hatte als Hauptteil seines Einkommens wieder dasjenige, was seine Ländereien ihm einbrachten. Da letztere der Natur der Sache nach immer um einen billigen Preis verpachtet werden mußten, so waren die Einkünfte der Stelle nur gering. Jetzt dagegen ist die Landpacht dauernd eine recht hohe, außerdem zahlt der Staat einen nicht unerheblichen Zuschuß zum Pfarrgehalte, welches auf diese Weise nun besser geworden ist, als dasjenige der meisten Pfarrstellen Ostfrieslands.
Die Pastorei war ehemals nördlich von der Kirche belegen, nur durch einen schmalen Fahrweg davon getrennt. Sie geriet später in Verfall und wurde von der Regierung angekauft und umgebaut. Jetzt dient sie als Dienstwohnung eines Maschinisten. Der östlich davon liegende Garten wurde für die Pfarre wieder angekauft. Jahrelang hatte Seite 93nun die Gemeinde keine eigene Pastorei, und die Prediger mußten sich eine Wohnung mieten, bis ein früheres Commandeurshaus dazu angekauft wurde. Da es niedrig und beschränkt war, so wurde es 1886 abgebrochen und durch einen den gegenwärtigen Bedürfnissen entsprechenden schönen Neubau ersetzt.
Wie das Pfarrhaus, so wurde auch der Kirchhof verlegt und nicht nur aus gesundheitlichen Rücksichten, sondern auch darum, weil derselbe für den Ort viel zu klein war, sogar der jetzige neue Kirchhof, im Süden des Dorfes an der Eisenbahn belegen, ist im vergangenen Jahre um ein bedeutendes Stück schon wieder vergrößert worden.
Neben der evangelischen Kirche ist auf Borkum noch ein katholisches Gotteshaus vorhanden, die Kapelle „stella maris“ Meeresstern, welche im Jahre 1881 durch denselben Bauunternehmer — Schumacher aus Leer — erbaut worden ist, welcher gegenwärtig auch unsere neue Kirche baut. Die Kapelle wurde errichtet, um den katholischen Badegästen, die bis dahin in der ersten Klasse der Schule ihre Gottesdienste feierten, ein für diese Zwecke passendes Haus zu geben. Inzwischen hat auch die Zahl der katholischen Einwohner zugenommen, daß man damit umgeht, ein selbständiges katholisches Kirchengemeindewesen hier zu gründen; das Haus, welches zur Pfarrwohnung dienen soll, ist bereits angekauft worden. Da auch die Zahl der Kurgäste katholischen Glaubens von Jahr zu Jahr zunimmt, so hat man schon eine Vergrößerung der Kapelle in Aussicht genommen.
Schließlich soll nicht unerwähnt bleiben, daß auch die Religionssekte der Baptisten auf unserem Seite 94Eilande sich auszubreiten beginnt. Sonntäglich werden bei einem dieser Sekte angehörenden hiesigen Einwohner gottesdienstliche Versammlungen abgehalten. Einen eigenen Prediger haben diese Leute noch nicht, aber ab und zu kommt vom Festlande ein Reiseprediger herüber, welcher für seine Sekte dann auch Proseliten zu machen sucht, was bei einiger Geschicklichkeit und bei dem unleugbar noch hier vorhandenen religiösen Bedürfnisse, das befriedigt werden muß, auch nicht gar zu schwer ist. — Die Darbisten, eine in Ostfriesland wenig bekannte Religionssekte, haben hier auch bereits einige Mitglieder.

VII. Schule.

In den ältesten Zeiten mußten die Prediger hier die Kinder unterrichten. Die Insulaner machten aber damit keine guten Erfahrungen, denn sie klagten in einer nicht datierten, aber wahrscheinlich gegen Ende des 17. Jahrhunderts eingereichten Beschwerde an die Fürstin Christine-Charlotte über den Pastor Loling, daß er sich weigere, Schule zu halten und daher die arme Jugend in der Irre und Unwissenheit umherlaufen müsse. Da der Prediger die Kinder ohne Unterricht ließ, so gab eine Witwe, deren Name nicht genannt wird, im Einverständnis mit der Gemeinde sich mit der Unterweisung der Jugend ab. Allein bald darauf nahm die Gemeinde einen Schulmeister aus Emden an, welcher in Hamburg amtiert hatte. Dieser war lutherisch, aber unterrichtete die Kinder treu und fleißig im Heidelberger Katechismus, wie die Beschwerdeführer rühmend hervorheben, dagegen Seite 95klagten sie über den Pastor, daß derselbe diesen guten Mann, den er niemals anders als den lutherischen Hund nenne, durch seine Chikanen von der Insel vertrieben habe. Der betr. Lehrer ging wieder nach Hamburg, seinem vormaligen Wirkungsorte.
„Im Jahre 1697 wurde ein gewisser Jan Eiben von der Gemeinde berufen — wir wissen nicht, woher — da er nicht den nötigen Unterhalt fand, ging er nach Groningen. Nach einiger Zeit, während welcher Imke Sjammen den Unterricht leitete, rief man Eiben wieder herbei. Er wurde besser gestellt, erhielt ein Haus und den Auskundigerdienst.“ Herquet, S. 63. Dieses alte Schulhaus stand an der heutigen „Neuen Straße“ zur linken Hand, wenn man von der Apotheke die Straße hinunter geht, und zwar in dem Garten der Witwe Gerhards. Am Anfange unsers Jahrhunderts mußte es wegen Baufälligkeit verkauft werden, worauf durch den Prediger Billker das Haus des J. Gaerthé, damals „prépose des vivres“, dafür wieder angekauft wurde. Dieses Haus ist noch vorhanden und diente als Schule bis zum Jahre 1863, wo es verkauft und in der Nähe der Kirche eine neue Schule nebst Lehrerwohnung wieder erbaut wurde. Die alte Schule, jetzt ein Wohnhaus, steht an der „Alten Schulstraße“ in einem Garten und ist an seinem altertümlichen Aussehen leicht kenntlich.
Eiben nennt sich schoolmeester op’t eyland Borckum, ihm lag als Küster aber auch ob, die Gräber für die Verstorbenen zu graben.
„Die Zahl der Schulkinder stellte sich ums Jahr 1710 auf etwa 60. Davon kamen aber im Seite 96Sommer nur 20 bis 30. Das Schulgeld war verschieden. Diejenigen Kinder, die nur lesen lernten, bezahlten 10 Stüber, lernten sie aber auch schreiben, so erhöhte sich das Schulgeld auf 27 Stüber.“
Unterm 17. Juli 1713 erließ das Consistorium in Aurich an den eben eingeführten Pastor Monnink ein längeres Dekret, in welchem unter anderm angeordnet wurde, daß der Schulmeister fortan nicht vom Pastor, sondern vom Consistorium sollte eingesetzt werden, er sollte auch, falls er es wünsche, das „Glockenläuten“ erhalten, wofür 6 Fl. vergütet wurden.
Auf der im Jahre 1713 von dem Landingenieur Tönnies entworfenen Karte der Insel finden wir in unmittelbarer Nähe des Ortes und zwar an der Nordseite ein Wiesengrundstück, welches „Schulmeisterseender“ genannt wird. Dieses Stück gehört jetzt zu den Dienstländereien des landrätlichen Hülfsbeamten. Ferner redet später Pastor Billker von drei dem Lehrer gehörenden Diemathen Wiesenland. Jetzt ist, abgesehen von drei der ersten Lehrerstelle zugelegten Kuhweiden auf der fiskalischen Außenweide, bei keiner der hiesigen Schulstellen, irgendwelche Landdotation, somit ist das zum Schuldienst früher gehörende Land auf ganz unbegreifliche Weise verloren gegangen.
Wann der oben erwähnte Jan Eiben gestorben oder abgegangen ist, ist nicht mehr festzustellen. Nach seiner Zeit muß sich das Schulwesen auf Borkum wieder verschlechtert haben, da es in der Greetsieler Amtsbeschreibung vom Jahre 1743 heißt: „Vor diesem nahm der Prediger den Schuelunterricht Seite 97mit wahr, seit einigen Jahren aber hat der Auskündiger die Information der Jugend übernommen, und folglich ist kein ordentlicher Schuel-Meister auf der Insel bestellet.“ Weiter heißt es in derselben Beschreibung: „Auf der Insel ist eine hübsche Kirche, so vor einigen Jahren auf Kosten der Insulaner ziemlich vergrößert worden. Hierselbst ist ein Prediger und kein ordentlich bestellter Schulmeister, doch salariret die Gemeinde einen Vorsinger in der Kirche.“
Im Jahre 1759 wurde wieder ein neuer Schulmeister angestellt, Cornelius Albers aus Hinte, welcher, zugleich Auskündiger oder Gerichtsdiener, als ein pflichttreuer, tüchtiger Mann gerühmt wird. Er hielt sowohl im Sommer als auch im Winter Schule; die Unterrichtssprache war die holländische, weshalb er auch, wie die meisten seiner Collegen damaliger Zeit, mit der deutschen Grammatik auf einem gespannten Fuße stand. Sein Einkommen konnte man auf 140 Fl. schätzen. — Im Frühling des Jahres 1783 wurde ihm auch gestattet, einen Krämerladen zu halten. Wegen dieses Ladens wurde er von einigen neidischen Leuten verklagt; man beschuldigte ihn, daß er die Leute ausmergele und seinen Schuldienst vernachlässige. Das Amt zu Greetsiel wurde nun zur Berichterstattung aufgefordert. Dieses erklärte, „daß der Schulmeister Albers bereits seit 27 Jahren seinen Dienst in ausgezeichneter Weise versehe und vorzügliche Resultate erziele, was die letzte Visitation (1785) noch ergeben habe. Er sei ein wahrer Segen für die Insel. Niemand nehme an seinem Winkelkram, den seine Frau besorge, Anstoß, als seine Verkläger.“ — Herquet, S. 137. Seite 98Im Herbste 1805 nahm Albers seine Entlassung und zog sich auf das Festland zurück, sein Sohn Albert Cornelius, der später den Stammnamen van Borkum annahm, blieb auf der Insel wohnen.
„Albers muß als diejenige Persönlichkeit angesehen werden, die am unermüdlichsten für das Wohl der Insel wirkte und zwar nach den verschiedensten Richtungen hin. Gerade deshalb wurde er auch heftig von einem Teile der Insulaner angefeindet.“
Sein Nachfolger wurde sein bisheriger Adjunkt Christopher Schertz aus Nüttermoor, „der auch den Kramladen seines Vorgängers, übernahm“. Er übernahm später auch den Posten eines französischen Maire und versah seit dieser Zeit sein Schulamt nicht mehr mit der früheren Treue und Hingabe.
Nach ihm erhielt sein Sohn Feike Scherz den Schuldienst, welchen er 1860 quitierte und Fuhrmann wurde.
In seine Stelle kam der Lehrer D. Simmering aus Rysum bei Emden gebürtig; zuerst unterrichtete er noch in dem vom Prediger Billker im Jahre 1818 angekauften und als Schulhaus eingerichteten Gebäude an der „alten Schulstraße“.
Da Borkum als Badeort mitlerweile einen bedeutenden Aufschwung nahm, so mehrte sich auch die Bevölkerung, mithin auch die Zahl der Schulkinder, welche Ostern 1877 bereits 127 betrug. Da für eine solche Schar ein Lehrer nicht genügen konnte, so mußte notgedrungen ein zweiter angestellt werden. Bereits seit einigen Jahren waren mit der Behörde dieserhalb Verhandlungen gepflogen worden. Diese führten wohl deshalb nicht Seite 99so rasch zum Ziele, weil die Gemeinde einen Zuschuß vom Staate beantragte; in dem genannten Jahre endlich wurden die Verhandlungen zu einem befriedigenden Abschluß gebracht. Die vorhandene große Schulklasse erhielt, an ihrer Südseite einen Anbau, in welchem der inzwischen angestellte zweite Lehrer einen Teil der Schüler als Unterklasse unterrichtete.
Nur fünf Jahre lang kam dem Lehrer Simmering die durch Schaffung der zweiten Schulstelle herbeigeführte Arbeitsentlastung zugute, bereits im Jahre 1882 mußte er wegen dauernder Kränklichkeit seine Entlassung aus dem Dienste beantragen, in welchem er 22 Jahre lang angestrengt thätig gewesen war.
Sein Nachfolger wurde H. Hoffmann, bisher zweiter Lehrer zu Jemgum. Er trat seinen Dienst in der Inselgemeinde an am 1. Juni 1882, aber nach genau drei Jahren schon folgte er einem Rufe der Gemeinde Westerhusen bei Emden. Die erledigte Stelle zu Borkum wurde erst dem Lehrer Hilders zu Uphusen übertragen, dessen Nachfolger dann am 1. Juni 1887 der Schreiber dieses geworden ist.
Zu Anfang des Schuljahres 1886 war die Schülerzahl so groß geworden, daß die beiden vorhandenen Lehrzimmer dafür nicht ausreichten, man mußte deshalb die Kinder in drei Klassen teilen. So war also die Schule eine dreiklassige geworden, aber vorerst nur mit zwei Lehrern, da die Verhältnisse den Bau einer neuen Schule und die Anstellung eines dritten Lehrers vorläufig noch nicht gestatteten; jedoch nach zwei Jahren schon wurde beides vom Schulvorstande beschlossen und auch gleich ausgeführt. Das neue Schulgebäude Seite 100wurde in dem zur ersten Stelle gehörenden Hausgarten, den der Inhaber gegen Entschädigung der Gemeinde überlassen hatte, erbaut und nach den Sommerferien des Jahres 1888 bezogen. Die bisherigen beiden Schulzimmer wurden zu einer Wohnung für den zweiten Lehrer umgebaut, zugleich wurde die Hauptlehrerwohnung einer Reparatur unterzogen.
Nach einigen Jahren bereits wurden wir wiederum gezwungen, unsere Schulanstalt zu erweitern, da die Zahl der Schulkinder auf's neue sehr erheblich gestiegen war. So beschloß denn der Schulvorstand im Winter von 1894 auf 1895, dem vorhandenen Bedürfnisse gemäß noch ein Klassenzimmer zu bauen und noch einen Lehrer anzustellen. Der Beschluß fand die Genehmigung der Königlichen Regierung, und zu Anfang des Schuljahres 1895/96 trat der neu angestellte vierte Lehrer seinen Dienst an. Er unterrichtete bis zur Fertigstellung des neuen Klassenraumes erst einige Wochen in der Lesehalle der Warmbadeanstalt. Im Herbste des genannten Jahres wurde das Schulgebäude durch eine große Vorhalle bedeutend verschönert, welches dadurch ein ganz stattlicher Bau geworden ist.
Ums Jahr 1710 betrug die Zahl der Schulkinder etwa 60 bei einer Bevölkerung von noch nicht 500 Seelen. Darnach muß dieselbe, da bis gegen das letzte Viertel des Jahrhunderts die Bevölkerung sich fast um das Doppelte vermehrt hatte, jedenfalls 100 wohl überstiegen haben. Von 1776 an ging die Bevölkerungsziffer immer weiter herunter: vom Ende des vorigen bis über die Mitte unseres Jahrhunderts hinaus betrug dieselbe wenig Seite 101mehr als 400, die Zahl der Schulkinder wird nach dem Inventar von 1860 auf durchschnittlich 60 angegeben.
Von nun an stieg dieselbe rasch; sie betrug zu Anfang des Schuljahres 1873/74 bereits 84, nach 10 Jahren 117, nach wiederum 10 Jahren 250, zu Anfang des gegenwärtigen Schuljahres aber 315.
Im Winter von 1893/94 wurde von einer Anzahl von Gemeindegliedern die Gründung einer höhern Privatschule beschlossen, welche 1894 denn auch mit einem Lehrer und 21 Schülern von 8 bis 14 Jahren eröffnet wurde. Unterrichtsgegenstände sind neben den Elementarfächern die lateinische, französische und englische Sprache; die Mädchen, welche die Anstalt besuchen, lernen von diesen fremden Sprachen nur Französisch und Englisch. Das Lehrziel für die Knaben ist Vorbereitung für die Tertia eines Gymnasiums oder einer Realschule.

VIII. Gemeinde.

Aus dem ersten Abschnitte haben wir gesehen, daß aller Grund und Boden auf Borkum dem Landesherrn gehörte, welcher denselben an eine Anzahl Ansiedler, die sogenannten Altbauern, in Erbpacht ausgab. Als landesherrlicher Beamter wohnte bis in unsere Zeit hinein auf der Insel ein Vogt, welcher naturgemäß mehr das Interesse der Regierung, als dasjenige der Gemeinde wahrnahm. Daher kam es, daß die Vögte und Insulaner immer miteinander haderten. Einer dieser Vögte — sein Name sei verschwiegen — lebte mit den Einwohnern in solchem Unfrieden, daß er in seiner Erbitterung, testamentarisch bestimmte, man solle Seite 102bei seinem Ableben ihn nicht auf dem Friedhofe bei seinen Feinden, den Insulanern, begraben, sondern ferne von ihnen auf dem Drinkeldodenkakthoff, der Begräbnisstätte, für angetriebene Leichen. Die Anverwandten haben seinen Willen erfüllt und ein schwarzes Kreuz bezeichnet den Ort, wo man den alten Vogt zur ewigen Ruhe gebettet hat.
Wen es interessiert, über die immerwährenden Streitigkeiten zwischen den Vögten und der Gemeinde Genaues zu erfahren, der lese „Herquet, Borkum in kulturgeschichtlicher Beziehung“.
In der Mitte dieses Jahrhunderts wurde zeitweilig der Vogtsdienst dem hier wohnenden Arzte übertragen, um diesem eine pekuniär gesicherte Stellung zu geben, da er nur eine geringe Praxis hatte. Allein diese Einrichtung führte zu solchen Verwickelungen, daß die Regierung dieselbe wieder aufhob. Um aber eine gute ärztliche Kraft der Insel zu erhalten, bewilligte später die an Einwohnerzahl stark zunehmende Gemeinde einen Zuschuß von 1500 Mk., welcher erst zurückgezogen wurde, als vor einigen Jahren ein zweiter Arzt sich hier dauernd niederließ. Es mag hier gleich erwähnt werden, daß gegenwärtig drei Aerzte auf Borkum praktizieren. Im Sommer d. h. in der Badezeit haben alle drei genug zu thun, außer der Saison aber ist ihre Praxis nur gering. Die im Jahre 1883 gegründete und aufs beste ausgestattete „Nordseeapotheke“ liegt mitten im Dorfe und ist von allen Seiten leicht zu erreichen.
Der Landesherr erließ für die Insel gewisse Vorschriften, Rollen genannt, welche sich auf den Schutz der Dünen, auf die Kaninchenjagd und auf Seite 103das Verhalten der Einwohner bei Strandungen bezogen. Dem Vogte stand ein Gerichtsdiener, hier Auskündiger genannt, zur Seite, welcher in späteren Jahren zeitweilig auch den Schuldienst wahrnahm. Da der Vogt dem Amte zu Greetsiel, dem er unterstellt war, vielleicht manchmal etwas unbequem sein mochte, so kamen Anfang März 1684 Drost und Amtmann von Greetsiel nach der Insel herüber und ließen aus den angesehensten Einwohnern vier Männer erwählen, denen neben dem Vogte, die Conservierung der Dünen, sowie überhaupt die Sorge für die Erhaltung der Insel obliegen sollte. Wie lange diese Institution, ein Gegengewicht gegen den Einfluß des Vogtes, fortbestand, ist mit Sicherheit nicht anzugeben.
Was seiner Zeit die Greetsieler Beamten gethan hatten, unternahm 1709 die Gemeinde auf eigene Hand. Sie stellte vier Bevollmächtigte auf, von denen jährlich zwei abgehen und durch zwei neue ersetzt werden sollten. Die fürstliche Regierung aber sah in dem Vorgehen der Gemeinde einen Eingriff in ihre Hoheitsrechte und erklärte die gefaßten Beschlüsse für ungültig. Statt des Viermännerrates sollten die Einwohner aus ihrer Mitte zwei Männer erwählen, welche unter Zuziehung des Vogtes und des Predigers über das gemeine Beste beraten sollten; sie hießen Landsmänner. Wie lange die Institution der Landsmänner fortbestanden hat, ist dem Verfasser nicht bekannt geworden, jedenfalls dauerte sie nach dem Aussterben des ostfriesischen Fürstenhauses (25. Mai 1744) unter der preußischen Regierung noch fort. Daß die Zugehörigkeit unseres Ländchens zu Holland — von Oktober 1806 bis zum 31. December 1810 — Seite 104hierin eine Aenderung eintreten ließ, ist wohl mit Sicherheit anzunehmen. Als am 1. Januar 1811 Ostfriesland mit Frankreich verbunden wurde, wurden in allen Gemeinden, also auch auf Borkum, maires ernannt. Nach der Völkerschlacht bei Leipzig wurde unser Ländchen für kurze Zeit wieder preußisch; aber schon in dem Jahre des Befreiungskampfes hatte König Friedrich Wilhelm III. um die Unterstützung der Engländer im Kampfe gegen Frankreich zu gewinnen, Ostfriesland, Hildesheim und Lingen an Hannover abtreten müssen; die Uebergabe fand zu Aurich statt. Ostfriesland hieß seit 1823 die Landrostei Aurich und stand bis zum Jahre 1837, wo König Wilhelm der IV. von England starb, unter englischer Oberhoheit. Seine Nichte Viktoria ihm auf dem englischen Throne; da aber in Hannover nach alten Hausgesetzen die weibliche Erbfolge nicht galt, so wurde Wilhelms jüngerer Bruder Ernst August, Herzog von Cumberland, König von Hannover. Ihm folgte 1851 sein Sohn Georg V. bis zum Jahre 1866, wo Hannover infolge der großen politischen Ereignisse wiederum an Preußen kam.
Seit der französischen Zeit giebt es in allen Landgemeinden, also auch auf unserer Insel, Orts- oder Gemeindevorsteher, denen ein Beigeordneter zu etwaiger Hülfe und Stellvertretung beigegeben ist. Der Gemeindevorsteher, welcher an manchen Orten früher auch Bauermeister hieß, wird von den, stimmberechtigten „Interessenten“ auf sechs Jahre gewählt. Größere Gemeindewesen, zu welchen auch Borkum gehört, haben neben dem Vorsteher und den Beigeordneten noch einen Ausschuß; derselbe besteht aus zwölf Mitgliedern und wird ebenfalls Seite 105von den Stimmberechtigten — aber nur auf ein Jahr — gewählt. Jedes Jahr fällt die Hälfte des Ausschusses aus, und zwar nach dem Dienstalter, jedoch können die Ausfallenden wieder gewählt werden.
Gemeindevorstand und Ausschuß verwalten die Gemeindeangelegenheiten selbständig. Zu diesen Angelegenheiten gehört die Instandhaltung der Wege und Pfade, der Abwässerung, der Deiche, die Sorge für die Sicherheit in der Nacht u. dgl. Auch die Armenpflege, früher mehr kirchlichen Charakters, ist jetzt lange schon eine Gemeindeangelegenheit; ferner ruht die Verwaltung der Ortskrankenkasse in den Händen des Vorstehers, ebenso diejenige des Standesamts; daneben sind von ihm viele andere Arbeiten auszuführen, die ihm von dem Polizeirat als Hülfbeamten des Landrats zur Erledigung überwiesen werden.
Der Vorsitzende des Ausschusses ist der Vorsteher. Sind Beschlüsse in Gemeindeangelegenheiten zu fassen, so hat letzterer den Ausschuß zu berufen, der die Vorlagen desselben berät und darüber beschließt. Die Ausschußsitzungen werden in dem vor etlichen Jahren erbauten Gemeindehause abgehalten. — Der Vorsteher wird, wenn auch für seine vielen Arbeiten nicht reichlich, besoldet, das Amt der Ausschußmitglieder dagegen ist ein Ehrenamt. — Für Botendienste, Ansagen und Ausschellen ist ein Ortsdiener da.
Zu den Angelegenheiten der Gemeinde gehört als besonderer Zweig das Bad, dessen Verwaltung durch die Badecommission besorgt wird. Diese besteht aus sechs Mitgliedern, welche auf drei Jahre gewählt werden. Jedes Jahr fallen nach Seite 106dem Dienstalter zwei Mitglieder aus, welche aber wieder wählbar sind. Die Mitglieder der Badeverwaltung ernennen aus ihrer Mitte einen Schreiber, welcher die Fremdenliste zu führen, die Badekarten auszugeben, Einnahme und Ausgabe zu besorgen und die Baderechnung aufzustellen hat; sie ernennen außerdem ebenfalls aus ihrer Mitte einen Vorsitzenden, welcher alle übrigen Angelegenheiten regeln und nach jeder Richtung hin das Bad vertreten muß. Der Vorsitzende ist die Seele des ganzen Bades.
Die Vogtstelle auf Borkum wurde von der Regierung beibehalten, wenn auch der Titel Amtsvogt fortgefallen ist. Der Nachfolger des letzten Beamten, welcher diesen Titel führte, hieß zuerst officiell „Hülfsbeamter des Landrats“. Aus dieser Bezeichnung ergiebt sich ein Teil seiner Obliegenheiten, ein anderer Teil aber aus dem Titel „Königlicher Polizeirat“, welcher ihm später verliehen wurde. Für den Gensdarm, welcher ihm unterstellt ist, ist vor einigen Jahren eine nette Wohnung gebaut worden, in welcher sich auch ein Haftlokal befindet. Dem Gensdarm liegt die Überwachung der Häftlinge ob und deren etwaige spätere Überführung in das Amtsgefängnis zu Emden.
Für die freiwillige Gerichtsbarkeit hat das Gericht in Emden zur Bequemlichkeit der Einwohner drei Gerichtstermine im Jahre angesetzt. Die Sitzungen des Gerichts werden im Gemeindehause abgehalten, wo neben dem Ortsvorsteher auch der Vorsitzende der Badekommission und der Sekretair derselben ihre Büreaus haben.
Selbstverständlich ist auf Borkum auch ein Seite 107Schiedsamt. Denn so friedliche und verträgliche Leute unsere lieben Insulaner im allgemeinen auch sind, so kommt es doch vor, daß hie und da jemand im Eifer mal ein Wort zu viel sagt, wofür er vor den Schiedsmann gefordert wird. Diesem gelingt es aber in der Regel, den Streit beizulegen und die Streitenden zu versöhnen, wodurch den letzteren viel Ärger und Verdruß und dem Amtsgericht viel Arbeit erspart wird.
Um einem von Holland oder England aus etwa zu ermöglichendem Schmuggel zu wehren, sind zwei Grenzaufseher angestellt, die scheinbar aber keinen sauern Dienst haben.
Für die Sicherheit in der Nacht sorgt der knüppelbewaffnete Nachtwächter mit seinem Hunde und als „Auge des Gesetzes“ der Gensdarm.
Um einen etwa ausbrechenden Brand schnell löschen zu können, ist hier vor einigen Jahren eine freiwillige Feuerwehr in’s Leben gerufen worden. Die Lösch- und Rettungsgerätschaften werden in den untern Räumen des Gemeindehauses aufbewahrt, dessen hölzerner Turm auch für die Zwecke der Feuerwehr errichtet worden ist.
Es sei an dieser Stelle noch erwähnt, daß seit 1861 auf Borkum eine Rettungsstation behuf Rettung Schiffbrüchiger sich befindet. Eine Anzahl kühner Männer, früher Seeleute, bildet die Rettungsmannschaft, welche seit dem Bestehen der Station nach dem letzten Berichte (vom 31. März 1896) im ganzen 138 Personen aus Todesgefahr gerettet hat. Zwei für diesen Zweck eigens gebaute und ausgerüstete Boote liegen zu augenblicklichem Gebrauche immer bereit, das eine in dem Rettungshäuschen auf dem Nordstrande, das andere in Seite 108demjenigen auf dem Südstrande. Das Boot auf dem Südstrande ist ein Geschenk einer edlen Dame, der Stiftsdame Fräulein C. Hass aus Baden-Baden, und es ist demselben auf Wunsch der Stifterin der Name ihres sel. Bruders „Otto Hass“ beigelegt worden.

IX. Verkehrsmittel.

1. Die Fährschiffe.

Die Verbindung Borkums mit dem Festlande wurde ursprünglich nur durch kleine Segelschiffe vermittelt, die namentlich ihre Fahrten nach Greetsiel machten. Dies hatte seinen Grund darin, daß hier der Sitz des Amtes war, unter welches die Insel gehörte. Später wurde die alte Burg, welche das Amtsgebäude war, abgebrochen, und der Sitz des Amtes, welches aber seinen Namen Amt Greetsiel beibehielt, nach Pewsum verlegt.
Die Fahrten nach Greetsiel waren wegen der Unbedeutendheit der Inselgemeinde anfänglich nur wenige, es genügte vollständig, daß alle 14 Tage einmal eine Reise gemacht wurde. Das Schiff, welches diese Fahrten machte, und welches auch die Amtssachen und die Post beförderte, hieß das Fährschiff. Der Fährmann selbst mußte, die amtlichen Schriftstücke im Amtsgebäude zu Greetsiel, nachher in Pewsum, in Empfang nehmen bezw. dort abliefern. Als in späteren Jahren das Fährschiff alle 14 Tage neben der Fahrt nach Greetsiel auch eine nach Emden machte, mußte der Fährmann auch von letzterem Orte aus in Seite 109Pewsum, auf dem Amte zur Inempfangnahme oder Ablieferung von Schriftstücken sich einstellen. Dies dauerte bis zum Jahre 1856, wo das Amt Greetsiel einging. Von nun an gingen die Fahrten des Fährschiffes alle nur nach Emden, wo Amt und Post waren. Das neuerbaute Schiff „Aurora“ machte jetzt jede Woche eine Reise, später alle 14 Tage drei Reisen, im Winter aber fuhr es höchstens einmal wöchentlich. Auch dieses Schiff beförderte die Postsachen, und der Fährmann war Borkums Landbriefträger. Als nach einigen Jahren die Zahl der Badegäste stark zunahm, wurde für Juli, August und September hier ein Postamt eingerichtet, für die übrigen Monate blieb es zunächst beim alten. Die Telegraphenbetriebsstelle, welche im Hotel Köhler bei der evangelischen Kirche sich befand, in welchem während der Badezeit auch das Postamt war, wurde am 1. April 1884 in die neuerbaute „Nordseeapotheke“ verlegt; hier wurde in demselben Jahre auch eine Postagentur eingerichtet; Postagent und Verwalter der Telegraphenbetriebsstelle wurde der Apotheker Bakker. Während der Saison wurde die Postagentur zu einem Postamt III erhoben.
Vor zwölf Jahren ließ der damalige Fährmann noch ein Schiff bauen, die „Johanna“, und nun gab es in 14 Tagen regelmäßig fünfmal Verbindung mit dem Festlande, wenn Wind und Wetter nicht gar zu ungünstig waren. Zu diesen Fahrten zahlte die kaiserliche Postverwaltung einen recht erheblichen Zuschuß. Vor 7 Jahren kam zu den beiden vorhandenen Fährschiffen noch ein drittes hinzu, die „Wopke“, welche ebenfalls die Post beförderte.
Seite 110 Der Hauptzweck der Fährschiffe war und ist der, Lebensmittel und allerlei Waren von Emden, sowie auch von Leer, wohin jetzt wöchentlich auch zwei Schiffe fahren, nach der Insel herüber zu holen. Steine und andere Baumaterialien und Steinkohlen werden meist durch besondere Schiffe herangebracht.
Die Fährschiffe beförderten in früheren Jahren, von der Badezeit abgesehen, alle Passagiere, welche von und nach Borkum wollten. Das Fährgeld betrug für die erste Kajüte 2,25 Mk., für die zweite 1,25 Mk., Insulaner zahlten für die Überfahrt den Preis für die zweite Kajüte; jetzt sind die Preise um die Hälfte ermäßigt.
Der Lade- und Löschplatz der Schiffe ist seit alters die Rhede; zu derselben hin oder von dort her wurden die Fahrgäste mit einem Wagen gebracht, wofür jede Person 1 Mk. zu zahlen hatte. Mit einem Boote wurden die Passagiere vom Schiffe aus an den Wagen gebracht, welcher soweit wie irgend möglich ins Wasser hineinfuhr. Saß man erst auf dem Wagen oder — wenn man von der Insel fort wollte — auf dem Schiffe, dann konnte man glücklich aufatmen, denn die Bootfahrt war, wenn bei bewegter See die Wogen, das Schifflein bedenklich schwanken ließen, nichts weniger als angenehm, namentlich für Frauen und Kinder. Mochte auch der Sitz auf den harten Bänken der Ackerwagen nicht gerade bequem sein, und möchte es auch in den tiefen Löchern des schlechten Fahrweges manchen harten Stoß geben, wie das zu wenigem Behagen seiner Zeit O. Funcke, der Verfasser der schon erwähnten Reisebilder und Heimatklänge, erfahren hat, (S. 30) so dauerte Seite 111die Fahrt doch nur eine halbe Stunde, und dann war die Not überstanden. Der humoristische Reisebeschreiber übertreibt freilich sehr arg, wenn er sagt, daß die Fahrt vom Anlegeplatz der Dampfer — etwas weiter als die Fährmannsrhede — anderthalb Stunden in Anspruch nehme.

2. Die Dampfer.

Als Borkum anfing, in die Reihe der Badeörter zu treten, da genügten zur Personenbeförderung bald nicht mehr die Fährschiffe, da mußten auch Dampfer zur Insel fahren. Zunächst machten die beiden kleinen Dampfer, der „Kronprinz von Leer“ und die „Kronprinzessin Marie von Emden“, wöchentlich je eine Fahrt nach Borkum, wobei aber jedesmal bei Delfzyl angehalten wurde, um Fahrgäste aufzunehmen oder abzusetzen, da die beiden Schiffe die Fähre zwischen Emden und Delfzyl unterhielten. Bei dem steigenden Fremdenverkehr nach hier wurde jedoch auch bald diese Verbindung ungenügend, da wurden von Emden aus zwei andere Dampfer in Dienst gestellt, nämlich der neuerbaute „Wilhelm“ und die angekaufte „Norderney“, welche außer nach Borkum auch nach Norderney Kurgäste brachten. Als nach der Erbauung der ostfriesischen Küstenbahn die Fremden, welche letztere Insel besuchten, meist über Norden gingen, und die Fahrten von Emden und Leer nach Norderney keinen Gewinn mehr abwarfen, so gab man dieselben auf und beschränkte sich nur noch auf Borkum. Vorübergehend suchte eine Bremer Gesellschaft durch die beiden Dampfer „Viktoria“ und „Leda“ den heimischen Gesellschaften Concurrenz zu machen, auch der Bremer Seite 112Lloyd trachtete darnach; beide Gesellschaften aber gaben bald die Fahrten nach Borkum auf, weil sie keinen genügenden Gewinn brachten. Für die Fahrten nach unserer Insel ließ man nun von Leer aus im Jahre 1885 einen schönen, neuen Dampfer bauen, die „Augusta“, dann von Enden aus nach einigen Jahren das noch größere Dampfschiff „Borkum“. Bei der raschen Entwickelung unseres Seebades konnten auch diese Schiffe den Verkehr nach unserm schönen Eilande nicht mehr bewältigen, es wurden deshalb noch zwei Dampfer erbaut, „Emden“ und „Viktoria“. Diese letzten vier Dampfer, welche auf das eleganteste eingerichtet sind, sind eigens für die Fremdenbeförderung nach Borkum erbaut worden. Sie machen die Fahrt in zwei bis drei Stunden, wenn Wind und Wetter nicht zu sehr entgegen sind. Länger dauert die Fahrt selbstverständlich mit den Fährschiffen; doch wenn Wind und Flut günstig sind, können auch sie von Emden zur Insel in vier Stunden gelangen, namentlich die „Johanna“, welche Motorbetrieb hat.
Während der Saison giebt es seit einigen Jahren regelmäßige Dampferverbindung nach Norderney, Helgoland, Amrum, Wyk auf Föhr, Westerland-Sylt und Hamburg. Diese Verbindung ist durch die Ballin’sche Dampfschiffahrtsgesellschaft in Hamburg in’s Leben gerufen worden. Von hier geht gewöhnlich dreimal in der Woche ein Dampfer ab, welcher auf seiner Fahrt nach Borkum die genannten Örter anläuft und Gäste aufnimmt oder absetzt.
Die in den Logierhäusern und Hotels ausgehängten Fahrpläne geben über die Abfahrtszeiten Seite 113aller nach hier fahrenden Schiffe genaue Auskunft.
In früheren Jahren war das Anlandbringen der Passagiere auch bei Dampfern mit denselben Schwierigkeiten verbunden, wie bei den Fährschiffen. Es ist vorgekommen, daß furchtsame Damen nicht wagten, ins schaukelnde Boot zu steigen, sondern wieder umkehrten, trotzdem sie die ganze Fahrt schon hinter sich hatten, und obgleich der schöne Strand der Insel so nahe und verlockend vor ihnen lag. Viel besser wurde die Landung schon, als ein Emder Bürger, der frühere Senator Dantziger, eine bewegliche Landungsbrücke bauen ließ, an welcher die Bööte anlegten, und von wo aus die Kurgäste sogleich bequeme Deckwagen besteigen konnten, welche sie in kurzer Zeit in's Dorf brachten. Dieser Landungswagen wurde später von dem genannten Herrn in uneigennütziger Weise der Gemeinde als Geschenk überwiesen. Da aber der Landungswagen wegen seiner Größe und Schwere nicht leicht zu trans- portieren war, so lag es in der Natur der Sache, daß derselbe nur an einer Stelle gebraucht wurde, und zwar am Südstrande, der Kiebitzdelle gegenüber. Mußten nun bei stürmischem Wetter die Dampfer in der Fischerbalge ankern, so wurden unter den alten Umständlichkeiten und Schwierigkeiten die Passagiere an Land gebracht.
Diesen Übelständen wurde mit einem Schlage abgeholfen, als die Firma Habich & Goth eine Eisenbahn erbauen ließ, welche vom Westende der Insel aus erst an der Innenseite der Süddünen hingeht und nachher von dem Endpunkte der Woldedünen bis an die Fischerbalge führt. Seit Seite 114dieser Anlage datiert das rasche Emporblühen der Insel, um welche also die Firma unleugbar ein großes Verdienst sich erworben hat.
Dieselbe erwarb zwei Dampfer, den „Dr. von Stephan“, welchen sie neu erbauen ließ und der sich als ein recht gutes Schiff erweist, und die englische Dampfyacht „Varina“; beide Schiffe beförderten fortan als Postschiffe die Post, sie dienten zu gleicher Zeit aber als Passagier- und Frachtdampfer. Post- und Telegraphenamt wurden nun von der „Nordseeapotheke“ in das stattliche, neu erbaute Bahnhofsgebäude verlegt. Am 1. Oktober 1894 wurde die bisherige Postagentur in ein Postamt III verwandelt.
Jetzt läßt die genannte, außerordentlich rührige Firma auf der Werft zu Geestemünde noch einen großen Dampfer bauen, welcher diesen Frühling in Dienst gestellt wird. Die „Varina“, welche sich für die Fahrten von und nach Borkum nicht bewährte, ist wieder verkauft worden. — Vom 1. April 1897 an wird unsere Insel auch außer der Badezeit tägliche Dampferverbindung mit dem Festlande haben. — Der neue Dampfer führt den Namen Wilhelm II.
Wir sehen, daß zum Reisen von und nach Borkum Gelegenheit genug geboten ist, die denn auch fleißig benutzt wird; aber sind die sogenannten „Kabinetschrabber“, oder „Schappmusen" dagewesen, und haben die Insulaner die üblichen Besuche bei den Verwandten und Freunden in „Europa“ d. h. auf dem Festlande gemacht, dann hört allmählich der Verkehr auf: Borkum begiebt sich in die „Winterlage“. Wenn die Stürme heulen und die Wogen furchtbar brausen, dann ist jedermann auch Seite 115am liebsten daheim, und schlägt gar der Frost das Eiland in Eisesbande, so daß das Meer, in welchem vor ein paar Monaten noch die Kurgäste mit Wohlbehagen badeten, mit gewaltigen Eisschollen bedeckt ist, soweit das Auge reicht, dann verbietet sich das Reisen von selber; der Telegraph ist dann das einzige Verkehrsmittel, durch welches die Einwohner mit der übrigen Welt in Verbindung treten können.

X. Borkum als Badeort.

Seit langen Jahren schon hat sich im Volke die Erkenntnis Bahn gebrochen und befestigt, daß eine Luftveränderung für Körper und Geist von außerordentlich günstiger Wirkung ist. Die Ärzte verordnen deshalb auch namentlich in solchen Fällen, wo die Arzneien ihre Heilkraft versagen, längeren Aufenthalt in waldreicher Gegend mit gesunder Luft oder an dem Meere. Da ist es nun die Nordsee vorzüglich, welche alljährlich vielen Tausenden geistige Spannkraft, Gesundheit und Lebenslust wiedergiebt.
Selbstverständlich sind es in erster Reihe die Inseln, welche die der Ruhe und Stärkung Bedürftigen aufsuchen. Je weiter nun diese Badeinseln in See hinaus liegen, desto weniger können die Einflüsse des Festlandes, nämlich schlechte Luft, Staub und dgl., sich geltend machen, desto mehr aber sind Luft und Wasser imstande, die Heilwirkungen hervorzubringen, derentwegen man die Nordseebäder aufsucht. Mit Helgoland teilt Borkum den Vorzug, daß es eine wirkliche Insel ist mit stets reiner, Seite 116ozonreicher Seeluft ohne Beimischung der unangenehmen Ausdünstungen der Watten, wie bei den andern ostfriesischen Inseln. Auch die Süd- und Ostwinde, also die sogenannten Landwinde, verlieren auf der langen Strecke bis zur Insel hin ihren Gehalt an gesundheitsschädlichen Stoffen. Zu diesem Vorzuge kommt noch der, daß Borkum die größte und schönste aller ostfriesischen Inseln ist. Darum ist es auch nicht zu verwundern, daß es in verhältnismäßig kurzer Zeit zu einem der angesehensten Seebäder emporgeblüht ist. Borkum ist kein modernes Luxusbad wie Norderney, Ostende, Scheveningen und viele Binnenlandskurorte. Wer die Genüsse eines bloßen Luxusbades hier zu finden hofft, der täuscht sich; aber wer Besseres sucht, nämlich Ruhe, Erholung und Gesundheit, wovon die Teilnahme an soliden gesellschaftlichen Genüssen nicht ausgeschlossen ist, der thut wohl daran, wenn er unser grünes Eiland aufsucht.
Die ersten Badegäste, die nach Borkum kamen, waren meist aus Emden. Es waren einige bestimmte Familien, denen sich nach und nach andere anschlossen; sie mieteten auf einige Wochen für einen geringen Preis ein oder zwei Zimmer und verpflegten sich selber; denn Gasthöfe, in denen für Fremde gekocht wurde, gab es anfänglich noch nicht. Viele Leute mochten gar nicht einmal Fremde im Hause haben; indessen sahen sie bald ein, daß sie durch Aufnahme von Badegästen einen hübschen Nebenverdienst machen konnten; darum fingen sie nach und nach an, ihre Häuser für Fremde etwas einzurichten. Luftige Schlafstuben mit großen Fenstern waren damals noch nicht da, Seite 117sondern nach friesischer Art nur Wandbettstellen oder Butzen, in welche man mittelst zierlich geschnitzter Bänke, noch aus der Glanzzeit der Insel stammend, hineinsteigen mußte, um unter einem gewaltigen Federbette zu schlafen; von der Decke der Bettstelle hing ein schön geflochtener, unten mit dicker, bunter Troddel versehener sogenannter beddelichter herab, an welchem man sich emporhob, wenn man sich auf die andere Seite legen oder morgens sein Lager verlassen wollte. Sofas und Divans waren damals unbekannte Dinge auf der Insel: am Ehrenplatz beim Feuerherde stand ein bögelstaul (Lehnstuhl), in welchem der Badegast sein Mittagsschläfchen halten konnte, wenn er wollte. Statt der Tapeten hatten die Wände der niedrigen Zimmer einen weißen Kalkanstrich, teilweise auch waren sie mit bunten Fliesen belegt. Ein offener Feuerherd mit großem Rauchfange, dessen äußere Oberfläche ebenfalls in Fliesen oder „esters“ prangte, nahm die Mitte des Giebels zwischen den beiden Fenstern ein; um den untern Rand dieses Rauchfanges lief ein Gesimse, auf dem viele hübsche Sachen standen, welche die Väter oder Brüder oder sonstige Anverwandte den Ihrigen aus fremden Ländern mitgebracht hatten; dergleichen Dinge standen auch auf der Kommode, welche an einer Seitenwand des Zimmers aufgestellt war, während ein großer, eichener Schrank, der die Linnenrollen der Hausfrau barg und die besten Kleider von Vater und Mutter, nun aber wegen der Fremden ausgeräumt worden war, um deren Kleider aufzunehmen, an der andern Seite seinen Platz hatte. Von der Decke des Zimmers hing nicht selten ein geschmackvoll und kunstvoll Seite 118geschnitztes, vollständig aufgetakeltes Schiff en miniature, welches anzeigte, daß die Männer Borkums, zumteil wenigstens, noch dem Schiffergewerbe oblagen.
Man sieht, daß die Fremden, die zur Kur und Erholung nach Borkum gingen, in den ersten Anfängen des Bades an Bequemlichkeit außerordentlich wenig in den Wohnungen vorfanden; auch auf dem Strande war nicht das mindeste von Badegerätschaften vorhanden: wer baden wollte, machte sich von einem Bettlaken ein kleines Zelt zurecht, unter welchem er sich auszog und ankleidete. Nach und nach aber wurden die Wohnungen etwas besser eingerichtet, und auch kleine Zelte, mit grobem Leinen überspannt, wurden für Badezwecke hergerichtet und am Strande aufgestellt. Die Badegäste mehrten sich, und nun fing auch „Mutter Visser“ an, für die Badegäste ein einfaches, aber kräftiges Essen zu kochen.
Zu der Zeit, als die Familie des Königs von Hannover alljährlich auf einige Wochen nach Norderney ging, besuchten viele hohe hannoversche Offiziere und Adelige unsere Insel: von da an trat Borkum in die Reihe der Seebäder. Wir lassen hier die Zahl der Kurgäste und Fremden folgen, welche von 1877 bis zum Ende der vorjährigen Saison unsere grüne Insel aufgesucht haben. Borkum hatte an Besuchern

im Jahre 1877:
1200 Personen
im Jahre 1877:
1200 Personen
im Jahre 1878:
1490 Personen
im Jahre 1879:
1845 Personen
im Jahre 1880:
2310 Personen
im Jahre 1881:
2590 Personen
im Jahre 1882:
2839 Personen
Seite 119
im Jahre 1883:
3407 Personen
im Jahre 1884:
4021 Personen
im Jahre 1885:
3901 Personen
im Jahre 1886:
4594 Personen
im Jahre 1887:
5036 Personen
im Jahre 1888:
5632 Personen
im Jahre 1889:
6242 Personen
im Jahre 1890:
6121 Personen
im Jahre 1891:
7738 Personen
im Jahre 1892:
8885 Personen
im Jahre 1893:
10630 Personen
im Jahre 1894:
11349 Personen
im Jahre 1895:
12498 Personen
im Jahre 1896:
12945 Personen

Aus diesen Zahlen ergiebt sich, daß das Bad regelmäßig zugenommen hat; die ganze Entwickelung desselben läßt mit Gewißheit erwarten, daß es auch weiterhin stetig zunehmen werde.
Ein besonderer Vorzug, welchen Borkum vor vielen Badeörtern voraus hat, besteht darin, daß es judenrein ist. So oft auch die Kinder Israels versuchten, hier einzudringen, so wurden sie doch stets weggeärgert, zwar nicht von der Borkumer Bevölkerung, sondern von den Kurgästen, welche die „Auserwählten“ nicht unter sich dulden wollten. Und dampfte Cohn oder Itzig wutentbrannt wieder ab, dann rief mancher Badegast jubelnd:

„Fort mit ihm nach Norderney,
Borkum ist nun wieder frei!“

Wenn trotzdem einzelne Juden es immer noch wagen, nach Borkum zu kommen, so haben sie es sich selbst zuzuschreiben, wenn ihnen hier schlecht begegnet wird.
„Das Klima unseres Eilandes ist milde und Seite 120gemäßigt; große Kälte ist hier ebenso unbekannt wie große Hitze. Seit 1875, dem Jahre der Errichtung der metereologischen Station, kamen ein einziges Mal 14 Grad Kälte zur Beobachtung, während 25 Grad Wärme nach Celsius selten überschritten werden. Durchschnittliche Wärmetemperaturen liegen mehrere Grade über dem Gefrierpunkte, während durchschnittliche Sommertemperaturen zwischen 15 und 20 Grad zu suchen sind. Dem Umstande, daß Borkum so weit vom Festlande entfernt liegt und ganz von der großen Wassermasse der Nordsee umgeben ist, ist dieses günstige Klima zu verdanken: das Wasser nimmt die Wärme langsam an, giebt sie aber langsamer wieder ab, als die atmosphärische Luft und der Erdboden.“ Prospekt des Seebades Borkum Seite 2.
Der Strand ist so außerordentlich schön, breit und fest, daß einen bessern gewiß kein Seebad aufzuweisen hat. Die Kieselsteinchen, welche man namentlich auf dem Strande der nordfriesischen Inseln findet und welche beim Bade sehr unangenehm und lästig sein müssen, fehlen hier gänzlich. Auch weiche Stellen, in welche die Füße einsinken, giebt es hier gar nicht. Sofort nach Rücklauf der Wellen ist der Strand wieder so trocken, daß man, ohne nasse Füße fürchten zu müssen, darauf verkehren kann. Es ist ein köstlicher Genuß, auf dem ausgedehnten, ebenen Gestade, welches weilhin, fast unabsehbar, sich vor uns ausbreitet, umfächelt von der herrlichsten Seeluft, sich nach Herzenslust ergehen zu können.
Stundenweite Wanderungen kann man machen, Seite 121z. B. nach Südosten hin zur Landungsbrücke, wo eine kleine, aber gute Restauration die müden Wanderer gerne aufnimmt und zur Rückreise stärkt, die sie auch, falls es sich trifft, mit dem Zuge machen können, wenn sie zu angegriffen sein sollten. Oder man geht nordwärts auf dem Strande hin zum Ostlande, wo man dann nach einem kurzen Gange durch die Dünen in der Restauration von Bekaan sich wieder erholen und stärken, und wo der Uebermüdete wohl auch einen Wagen zur Heimkehr erhalten kann. Und ist man nicht zu müde, so macht man gerne noch einen Abstecher zur Vogelkolonie, die reichlich eine Viertelstunde davon entfernt ist. Zwar ist Anfang Juli, wo die Hauptsaison beginnt, die Brütezeit der Vögel vorüber, aber trotzdem ist eine Wanderung durch die Kolonie wegen der vorhandenen großen Zahl der Jungen außerordentlich interessant. Demjenigen, der eine weitere Seefahrt nicht scheut, bietet die benachbarte holländische Insel Rottum eine noch größere Vogelkolonie. Hier haben nicht nur viele Tausende von Silbermöven ihre Brutstätten, wie auf Borkum auch, sondern in großen Scharen nisten hier auch die Seeschwalben, die Austernfischer und in künstlich angelegten Nesthöhlen sehr viele Brandenten. Sonst ist aber auf Rottum gar nichts zu sehen. Dem Beherrscher des kleinen Eilandes ist es jedenfalls ganz angenehm, wenn Borkumer Badegäste zahlreich bei ihm erscheinen, weil er dann Schinken, Wurst, Eier und „Schiedamer Genever“ für schweres Geld verkaufen kann, denn er — „nimmts von den Lebendigen“.
Kleinere Spaziergänge am Wasser entlang werden auf dem Nordstrande gewöhnlich bis zum Wrack Seite 122oder zum Muschelfelde ausgedehnt, der Gang dauert etwa eine halbe Stunde; bei der Rückkehr besucht man unterwegs gerne die auf hoher Düne belegene, geräumige Restauration „Viktoriahöhe“, deren Kartoffelpuffer eine gewisse Berühmtheit erlangt haben. Auf dem Südstrande befindet sich für müde, hungrige und durstige Spaziergänger die Erquickungsstätte Wilhelmslust, von wo man es zum Leuchtturm mit elektrischem Betriebe sehr nahe hat, wenn man etwa Lust verspüren sollte, die sehenswerten Anlagen in Augenschein zu nehmen oder einen Fernblick zu thun über Insel und Meer. Ganz in der Nähe des Turmes strandete am 7. März vorigen Jahres das schöne, erst vier Jahr alte Schiff „Winnifred“, welches eine Ladung Quebrachholz von Südamerika nach Hamburg bringen sollte. Eine großartigere Aussicht hat man von dem neuen Leuchtturm aus, der nahe dem Weststrande steht und außerordentlich bequem zu besteigen ist. —
Derselbe wurde anstatt des am östlichen Ende des Dorfes stehenden, am 14. Februar 1879 ausgebrannten bisherigen Leuchtturmes errichtet. Am 1. Mai 1879 wurde der Grundstein gelegt, und bereits am 19. September desselben Jahres konnte der letzte Stein eingefügt werden. Von der flachen Düne aus, auf welcher er steht, beherrscht sein Licht bei einer Höhe von 63 Metern einen Horizont von 16½ bis 21 Seemeilen. Doch ist auch der alte Turm, wie wir schon gehört haben, als Glockenturm der Gemeinde erhalten, im Innern ausgebaut und wieder hergestellt und dient nebstzwei dicht am Nordweststrande stehenden Kaaps zugleich als Tagesseezeichen für die Schiffer.
Das Besteigen der beiden Leuchttürme kostet je 1 Mk., ebenso das Besichtigen der Maschinenanlagen Seite 123bei demjenigen für elektrischen Betrieb, während das Besteigen des „Leuchtturms außer Dienst“ den Badegästen, unentgeltlich gestattet ist.
Hat man sich an dem Meere für eine kurze Zeit müde gesehen, was aber nicht leicht geschehen dürfte, so schlägt man sich „seitwärts in die Büsche“ d. h. in die Dünen und durchstreift deren grüne Dellen oder Thäler, wo die lieblichste Blume des Eilandes, die Pyrola, manchmal große Flächen bedeckt, und wo man etwas später auch die reizende Parnassia findet, und viele andere Blumen, aus denen die geschickten Hände der Damen die schönsten Sträuße binden. Aber es wird vergebliche Mühe sein, wenn sie etwa die flinken, wilden Kaninchen haschen wollen, viel eher dürfte es geschehen, daß sie in einer Höhle ein Nest mit schönen, weißen Bergenteneiern finden, wenn sie im Juni kommen. Die meisten Pyrola findet man in den Norddünen an beiden Seiten Seite 124des Fußpfades, welcher nach dem Ostlande führt. Dieser Pfad ist breit, zum großen Teile gepflastert, also bequem zu gehen und nur angelegt, damit die geehrten Kurgäste auf ihrem Wege zu Bekaan auf dem Ostlande nicht wieder irre gehen wie der Verfasser des hübschen Buches „Parathina“, welches wir hiermit angelegentlichst empfehlen möchten.
Dieser bequeme Fußpfad führt uns nach einem Gange von 10 bis 15 Minuten zu der auf halbem Wege zwischen West- und Ostland auf hoher Düne neu errichteten Erquickungsstätte „Elisenruhe“, Seite 125wo die blumensuchenden Damen und Herren nicht nur Ruhe und Erholung für die müden Füße, sondern auch Befriedigung des Hungers und Durstes finden können. Daneben wird die Einkehr in „Elisenruhe“ belohnt durch eine schöne Aussicht, die man auf das Meer und auf die grünen Fluren der Insel hat.
Und sollten auch die Dünen mit ihrer reichen Flora nicht Neues mehr bieten, so sind noch die herrlichen ausgedehnten Wiesengründe da, die uns entzücken, wenn sie, mit dichtem, saftigem Grase und bunten Blumen bedeckt, schnittreif sind, und die uns nicht minder erfreuen, wenn später auf ihnen die Herden weiden, und man ungehindert sie zum Spazierengehen benutzen kann. Bis zur Heuernte benutzt man zu seinen Wanderungen den Deich, welcher das Wiesenland und den ganzen Ort gegen die Winterfluten schützt, oder man wählt den ungleich kürzeren Weg an dem alten Leuchtturme vorbei quer über das grüne Land, durch welches ein gepflasterter Fußpfad, an welchem hie und da Bänke zum Ausruhen einladen, nach „Upholm“ führt, einem 10 Minuten vom Orte belegenen Kaffeehause, welches an den meisten Nachmittagen von Hunderten von Kurgästen besucht wird. Wie die Viktoriahöhe wegen ihrer Kartoffelpuffer, so ist Upholm rühmlichst bekannt wegen seiner vorzüglichen dicken Milch, die hier, da der Wirt eine stattliche Anzahl von Kühen besitzt, immer zu haben ist. Drei Kegelbahnen geben kegellustigen Damen und Herren ausreichende Gelegenheit, in diesem edlen Spiel ihre Geschicklichkeit zu zeigen; der schöne, freie Platz vor dem Hause ladet ein zum Crocket, und die Kinder vergnügen sich an Barren und Schaukel.
Ein ebenso schöner Punkt könnte geschaffen werden, wenn die Franzosenschanze, inmitten der grünen Wiesen liegend, Anlagen und Restauration erhielte. Eine hübsche Straße, auf beiden Seiten mit Bäumen bepflanzt, müßte dahin führen; über die breiten Gräben, welche die Schanze umgeben, müßte eine bequeme Brücke in die Anlage führen; die Gräben selbst müßten gereinigt und, wenn nötig, vertieft werden, um Gelegenheit zum Rudern zu geben. Und wenn dann noch das Ganze mit einem Ausguckturme geschmückt würde, so wäre in der That etwas geschaffen, was der Gemeinde — denn die Franzosenschanze ist ihr Eigentum — jedenfalls eine gute Pacht einbringen, den Kurgästen aber ein sehr beliebter Ausflugsort werden würde.
In früheren Jahren war die in den Süddünen belegene, große Kibitzdelle wegen ihrer reichhaltigen Flora das Ziel vieler Spaziergänger, aber seitdem der Rasen des hübschen Thales zur Herstellung des Strandbahndammes nutzlos verwandt worden ist, ist es mit der Herrlichkeit vorläufig aus. Wenn jedoch die ihres Schmuckes beraubte, große Kibitzdelle Baumpflanzungen und Anlagen erhielte, die bei ordentlicher Pflege und Aufsicht im Schutze der Dünen gut fortkommen würden, so wären die Ausflugsörter wieder um einen der schönsten Punkte vermehrt.
Diejenigen Badegäste, welche der Seehundsjagd obliegen wollen, finden dazu stets Gelegenheit, und unter Anleitung tüchtiger Jäger werden fast immer günstige Resultate erzielt.
Zu Lustfahrten in See dienen die Segelboote, welche am Strande jederzeit für diesen Zweck bereit liegen; größere Seefahrten mit Dampfschiffen nach Norderney, Helgoland, Juist, Delfzyl und Groningen finden allwöchentlich statt.
Die Saison beginnt am 1. Juni und schließt Seite 126mit dem 1. Oktober, kann aber bei genügendem Besuche auch noch weiter ausgedehnt werden; auf jeden Fall läßt die Badeverwaltung eine Anzahl Badekutschen und Strandkörbe zur eventuellen Benutzung gerne stehen.
„Die Kurtaxe beträgt für eine Person 5 Mk., für eine Familie bis zu 3 Personen 7 Mk., für noch größere Familien 8 Mk. Als zur Familie gehörig zu betrachten sind: Ehegatten, minderjährige Söhne, unverheiratete zum Haushalte gehörige Töchter.
Kinder unter einem Jahre und Dienstboten sind von der Kurtaxe frei.
Mehr als 5000 Badegäste finden zu gleicher Zeit bequemes Unterkommen in den vielen Hotels und Privatwohnungen. Es sind in ihnen für jeden Fremden, sowohl für ganz bescheidene, als auch für die größten Ansprüche Wohn- und Schlafzimmer nach Wunsch zu finden.
Je nach Tage und Ausstattung sind natürlich die Preise. der Wohnungen verschieden. In den am Strande gelegenen Hotels stellen sich die Preise wesentlich höher als in den im Dorfe gelegenen; in diesen wird schon von 33 Mk. ab wöchentlich Logis und volle Pension (letztere besteht aus reichlichem Frühstück, table d’hote ohne Wein nebst Nachmittagskaffee und Abendbrot) geliefert. Ebenso verhält es sich mit den Privatwohnungen. Im Dorfe pflegt man für ein gut ausgestattetes Zimmer mit Sofa, Tisch, Kommode, einem Bette, Kleiderschrank u. s. w. 10 Mk. und mehr, für einfachere Zimmer noch etwas weniger), für eine Stube mit Schlafstube und zwei Belten, wöchentlich 15 Mk. und mehr zu zahlen. Jede Miete wird, falls nicht Seite 127ein anderes Abkommen getroffen wird, stillschweigend für eine Woche abgeschlossen. (Mietsreglements liegen in den Wohnhäusern aus).
Die Verpflegung ist eine rationelle und den vermehrten Anforderungen des Körpers entsprechend kräftige. Morgen- und Abendbrot läßt man sich nach Wunsch von den Hauswirten liefern, wenn nicht die Badegäste es vorziehen, in den zahlreichen Läden des Dorfes sich selbst zu versorgen. Mittags geht man entweder in irgend ein Gasthaus zur table d’hote (Preis 2 Mk. im Abonnement) oder nimmt daselbst vor der table d’hote ein sog. kleines Diner zu 1,50 Mk. Endlich liefern noch die Hoteliers und Delikatessenhandlungen das Essen in Menagen in die Wohnung:
Es ist zu zahlen:

Für ein kaltes Seebad aus der Kutsche
60 Pf.
Für ein kaltes Seebad aus dem Zelte
40 Pf.
Für ein kaltes Seebad für Kinder
30 Pf.
Für ein warmes Seebad mit oder ohne Douche
Kinder bis zu 12 Jahren zahlen die Hälfte.
1,50 Mk.
Für ein Salonbad für mehrere Personen
2,50 Mk.
Für ein warmes Sitzbad
60 Pf.
Für eine Abreibung mir Douche
1 Mk.
Für eine kalte Douche
50 Pf.
Für eine Vollmassage
2 Mk.
Für eine Teilmassage
1 Mk.

Zu jeder weiteren Auskunft erklärt sich die Badecommission gerne bereit.“ Prospekt Seite 6 u. 7.
So wie die Saison vorrückt, entwickelt sich auch das Leben auf dem Badestrande, zu welchem vier Wege führen, nämlich die schöne, neu angelegte Bismarckstraße, die Prinz-Heinrichstraße, die Strandstraße und die Viktoriastraße. Die erstgenannte Seite 128Straße führt direkt auf den Damenbadestrand, die letztgenannte auf den Herrenstrand, die beiden mittleren gehen zu dem neutralen Strande, wo ein großartiges Leben und Treiben sich entwickelt. Eine bedeutende Menge aus Rohr geflochtener, tragbarer Körbe, mit „Bad“ bezeichnet, stehen zur unentgeltlichen Benutzung für die Badegäste da; dazwischen ein- und zweisitzige, mit weißem oder buntem Zeuge überspannte Zelte, welche gegen mäßige Wochenpreise vermietet werden. Knaben und Mädchen graben emsig und lustig im nassen Sande, andere bauen Festungen, welche sie vergeblich gegen die herankommenden, gierigen Wellen zu verteidigen suchen, und zwischen den Körben und Zelten oder vor und hinter ihnen hin bewegen sich die Reihen der Spaziergänger; weiterhin, wo das Gewühl aufhört, sieht man Gesellschaften von jungen Herren und Damen in fröhlichem Eifer unterhaltende Spiele spielen, namentlich Crocket und Lawn-Tennis; wieder andere liegen ausgestreckt auf dem heißen, trockenen Sande an der Mauer, um ihr Rheuma zu vertreiben; im Wasser am Ende der Buhnen suchen viele, namentlich Kinder, nach Muscheln und großen Krebsen, und weiterhin sieht man auf bloßen Füßen einzelne Herren und Damen auf dem nassen Sande am Rande des Wassers hin den „Kneippschritt“ üben. Auf den Zugangstreppen wogt es auf und ab von Gehenden und Kommenden; manche sitzen auf den Bänken, welche zur Bequemlichkeit der Gäste auf der Mauer aufgestellt sind, in traulichem Geplauder mit einander; oder sie schauen vergnügt auf das heitere und malerische Bild des Badestrandes mit seinen vielen buntbewimpelten Zelten und der Menge der Seite 129fröhlichen Menschen; oder auch sie richten ihr Auge sinnend in die Ferne, wo die Schiffe ihre Bahn ziehen, oder wo die Schaumkämme der auf dem Riffe brandenden Wogen im Sonnenlichte aufleuchten. Und ist es Abend geworden, dann gehen viele noch hinaus, um das herrliche Schauspiel der untergehenden Sonne zu genießen, die wie ein großer Feuerball nach und nach scheinbar ins Meer sinkt und dieses prachtvoll erstrahlen läßt. — An manchen Abenden kann man das Meerleuchten beobachten, für ein unverwöhntes Auge eine herrliche Erscheinung; man sieht es namentlich nach Gewittern und nach schwülen Tagen. Wenn das Leuchten recht intensiv auftritt, dann haben mitten in der Dunkelheit die Kämme der heranrollenden Wellen einen hellen Schein: wir haben den Eindruck, als ob die Lichter langer Straßenzeilen einer großen Stadt auf einmal aufflammten, und dann wieder, als ob eine ungeheure feurige Schlange aus dem Meere auftauche und an das Gestade kommen wolle; sogar in den Fußstapfen der am Strande lustwandelnden Leute sieht man helle Funken sprühen. Dieses Meerleuchten, in südlichen Meeren unendlich großartiger als bei uns im Norden, wird hervorgebracht durch das funkelnde Leuchtbläschen, Noctiluca scintillans, welches in der Nordsee vom April bis November in zahlreicher Menge vorkommt.
Wird am Herren- und Damenstrande die große Badeflagge aufgezogen, so beginnt die Badezeit. Gebadet wird hier bei steigender Flut, weil dann das Bad am kräftigsten ist. Und weil dazu noch wegen der vorgeschobenen Lage des Eilandes der Wellenschlag ein stärkerer ist, als auf Seite 130den andern ostfriesischen Inseln, so muß die Wirkung des kalten Bades eine außerordentlich große sein.
Bevor wir über das Baden einige Winke für den Unerfahrenen geben, wollen wir noch hervorheben, daß sehr häufig der mächtige Einfluß des bloßen Seeluftgenusses unterschätzt und hauptsächlich nur Wert gelegt wird auf den Gebrauch der Seebäder, ohne daß dabei die energische Wirkung derselben genügend berücksichtigt würde. Viele meinen, inbezug auf das Baden keinerlei Vorschriften zu bedürfen, sie meinen, je mehr und je länger gebadet wird, desto mehr Erfolg können sie erwarten, obgleich die Erfahrung lehrt, daß eine Reihe schlechter Erfolge sich auf unvernünftiges Baden zurückführen läßt. Für nervös Angegriffene und andere Kranke ist es durchaus erforderlich, daß sie gleich bei ihrer Ankunft auf der Insel einen Arzt zu Rate ziehen und nach dessen Vorschriften sich strenge richten, wenn anders der Aufenthalt an der See von wesentlichem Nutzen sein soll. Für alle Badenden nicht bloß, sondern für unsere Kurgäste überhaupt wäre es gut, wenn sie Dr. med. Kok's „Ärztliche Ratschläge und Winke, betreffend die Seereise, den Aufenthalt auf der Insel und den Gebrauch des Seebades“ (Preis 50 Pf.) lesen und beherzigen würden.
Solche Kurgäste, welche nicht krank sind, sondern sich bloß erholen und stärken wollen, mögen ohne vorherige Rücksprache mit dem Arzte kalte Bäder nehmen; jedoch bade man nicht sofort nach der Ankunft, sondern warte wenigstens bis zum folgenden Tage. Will jemand baden, so sorge Seite 131er dafür, daß er möglichst ruhig sei und nicht etwa schwitze; dann ziehe er sich ohne Hast aus und gehe langsam, aber mutig ins Wasser. Ist er soweit gekommen, daß er gut untertauchen kann, dann werfe er sich nieder und fange die Wellen zunächst mit dem Rücken, dann mit den Seiten auf; sind die Wellen nicht gar zu stark, dann kann der Badende sie auch gegen die Brust prallen lassen.
Es ist durchaus nötig, bei den ersten Bädern nicht zu lange im Wasser zu bleiben, sondern sich mit sechs bis acht Wellen zu begnügen; man lasse ja nicht durch das Gefühl des köstlichen Wohlbehagens, welches sich bald einstellt, sich zu längerem Verweilen in der kühlen Flut verführen. Allmählich kann man die Dauer des Aufenthalts im Wasser steigern, aber auf länger als 10 Minuten sollte, selbst nicht bei kräftigen Personen das Bad keinesfalls ausgedehnt werden; weniger kräftigen Personen und Kindern ist entschieden zu raten, immer nur kurze Zeit im Wasser zu verweilen und nur einen um den andern Tag zu baden; starke und gesunde Leute können sich natürlich häufiger dem herrlichen Genusse des kalten Seebades hingeben, doch auch sie müssen unbedingt zuweilen einmal aussetzen.
Nach dem Bade gehe man rasch aus dem Wasser heraus und trockne sich gut ab; nach dem Anziehen möge man eine zeitlang am Strande auf- und abwandern oder eine kleine Erfrischung zu sich nehmen; schwächliche Personen thun gut, wenn sie nach dem Bade ausruhen oder schlafen; allen ohne Unterschied aber ist dringend anzuraten, Seite 132jegliche Anstrengung und Aufregung sofort nach dem Bade nach Möglichkeit zu vermeiden.
Werden diese kurzen Ratschläge genau befolgt, so wirken die Seebäder ausgezeichnet, während andererseits schlechte Erfolge nicht ausbleiben dürften, namentlich Ermattung, Schlaflosigkeit und Zunahme der Nervosität. Dann geht man unzufrieden von der Insel wieder fort und schiebt auf diese den Mißerfolg der Kur, den man doch ganz allein selbst verschuldete.
Inbezug auf warme Bäder Verhaltungsmaßregeln zu geben, ist für einen Laien bedenklich; es ist darum auf alle Fälle nötig, wegen des Gebrauchs solcher Bäder von einem hiesigen Arzte sich eventuell genaue Anweisung geben zu lassen.
Die Warmbadeanstalt, durch ihren hohen Schornstein schon von ferne kenntlich, liegt in der Nähe des Strandes. Der Zudrang zu der für gewisse Leiden und Beschwerden so außerordentlich wirkungsvollen warmen Bäder, zu welchen durch eine Dampfpumpe das Seewasser 400 Meter weit aus dem Meere geholt wird, wurde bei dem so sehr gesteigerten Fremdenverkehr ein so großer, daß das im Jahre 1887 neu erbaute Warmbadehaus als viel zu klein sich erwies und 1894 um mehr als das Doppelte vergrößert werden mußte. „Diese Anlage nun entspricht allen Anforderungen, welche in der Jetztzeit an eine Warmbadeanstalt gestellt werden können, sowohl was die praktische Einrichtung betrifft, als auch den Comfort. Neben der großen Anzahl Einzel- und Doppelzellen befinden sich in der Anstalt reich ausgestattete Räume Seite 133für Douchen und Massage, sowohl in der Frauen- als auch in der Männerabteilung, außerdem bequeme Ausruhzimmer. Mit der Anstalt ist eine Lesehalle verbunden, in welcher eine große Zahl von Zeitungen, Brochüren u. s. w. für die Kurgäste zur unentgeltlichen Benutzung ausgelegt ist.“
Für die Gesundheit der unser Bad besuchenden Gäste sorgen auch die bis zu einer Tiefe von 50 Metern geschlagenen Röhrenbrunnen, welche absolut gutes Trinkwasser geben, desgleichen die nach Dr. Hobrecht'schem System mit einem bedeutenden Kostenaufwande angelegte Kanalisation, an die alle Häuser angeschlossen werden müssen, und welche alles Spül- und Schmutzwasser in das weit hinter dem Deiche belegene Hopp wegführt.
Für die Unterhaltung der Gäste sorgt durch gute Musik die Norder Stadtkapelle, welche in der Saison hier spielt, da die Gemeinde ein Conversationshaus und eine Kapelle bis jetzt nicht hat und zwar in der Annahme, daß die Mehrzahl der hier zur Kur und Erholung weilenden Fremden keine Musik wolle. Wenn man aber sieht, daß die Bälle und Festlichkeiten, bei welchen die gut geleitete Kapelle spielt, außerordentlich stark besucht werden, so möchte man gegen die Richtigkeit dieser Annahme starke Zweifel hegen.
Schließlich über die Wohnungen noch ein paar kurze Bemerkungen. Zuerst sei bemerkt, daß wegen der vielen großen Neubauten ein Mangel an guten Wohnungen auch in der Hochsaison nicht zu befürchten ist. Gut sind die allermeisten Logis, mögen sie nun am Strande, im Dorfe oder an der schönen, grünen Wiese sich befinden. Der Seite 134Preis für dieselben ist aber sehr verschieden: je näher die Häuser, in denen man mietet, dem Strande liegen, desto höher ist selbstverständlich der Wochenpreis. Jedoch glaube man ja nicht, daß hinsichtlich der Güte und Beschaffenheit der Luft zwischen den Dorf- und Strandlogis ein großer Unterschied herrsche: überall auf der Insel ist die gesundeste, kräftigste Seeluft.
Da in der Hochsaison größere Familienwohnungen nicht immer in Auswahl zu haben sind, so thun die Kurgäste wohl, welche mit ihrer Familie kommen wollen, kurze Zeit vor ihrer Abreise eine gute Wohnung fest zu bestellen.
Haben nun die Kurgäste eine passende Wohnung gefunden und sich häuslich eingerichtet, so beginnt für sie eine genußreiche Zeit.
Ein großer Teil des Tages wird auf dem Strande zugebracht, wo man die frische, stärkende Seeluft atmet und den Hochgenuß des kalten Bades kostet, wo man dem heitern Spiele der Jugend zusieht oder gar selber mitspielt, indem man Festungen baut und in Lawn-Tennis und Crocket seine Geschicklichkeit zeigt; man besucht die Concerte und die Bälle, welche je und dann gegeben werden, oder Vereinigungen, die zum Zwecke der gemütlichen Geselligkeit sich leicht arrangieren lassen; Spaziergänge nach Upholm, Wilhelmslust und Viktoriahöhe, weitere Ausflüge und Seefahrten wechseln mit einander ab; man geht in die Dünen und sucht Blumen und Brombeeren (hier snaur-bäi-jen), welche in großer Menge dort wachsen, oder man treibt andere nützliche und angenehme Beschäftigungen. Abends ist man rechtschaffen Seite 135müde und sucht meist frühzeitig das Lager auf, um sich durch einen festen und langen Schlaf zu neuer Thätigkeit der angegebenen Art zu stärken. So schwinden die Wochen nur zu bald dahin, und für manche kommt viel zu früh der Tag der Abreise.
Alle Insulaner freuen sich herzlich, wenn ihre Kurgäste recht zufrieden gewesen sind und ihnen beim Abschiede fröhlich zurufen: Auf Wiedersehen im nächsten Jahr!
Ich schließe diesen Abschnitt mit einigen Versen, welche ich der Badecommission für ein Wappen der Insel vorgeschlagen habe, und die also lauten:

„Blau ist das Meer, und weiß ist der Strand
Der freundlichen Insel, die „grüne“ genannt.
In Gottes Schutz,
Der Wogen Trutz,
Der Gäste Heil, —
Das bleib’ dein Teil!“

XI. Borkum vor zweihundert Jahren.

Seit alters ist die Landungsstelle der Schiffe im Südwesten der Insel gewesen. Vor zweihundert Jahren waren zwei Anlegeplätze vorhanden, die Süd- und die Nordrhede. Erstere war am Hopp an der Nordseite der Woldedünen, welche, obgleich erst im Entstehen begriffen, den an starken Ducdalben festgelegten Fahrzeugen doch guten Schutz gewährten. Eine ziemlich breite, wenn auch nur bei Hochwasser fahrbare Rinne verband Seite 136damals das Hopp mit der Westerems und schied somit das ausgedehnte Watt im Süden als „runde Plate“ von der Insel. Die Nordrhede war eine ziemliche Strecke weiter nordostwärts belegen, etwa da, wo jetzt die Fähr- und Frachtschiffe ankern, und wurde benutzt, wenn bei sehr niedrigem Wasser die Südrhede nicht zu erreichen war. Von diesem zweiten Ankerplatze fuhren die Schiffer durch die Fischerbalge in die Oster- und Westerems. Jetzt steht diese Balge mit der Osterems nicht mehr in Verbindung.
Ein Wagen würde uns von der Südrhede, wo wir mit unserm Fahrzeuge gelandet sind, in kurzer Zeit in's Dorf bringen, aber wir ziehen vor, den Weg dahin zu Fuß zu machen, um mit Muße unsere Beobachtungen anstellen zu können. Die grüne Weide (bei weitem noch nicht so groß wie jetzt), die vor uns sich ausbreitet, ist groß genug, um einer stattlichen Viehherde hinreichendes Futter zu geben. Der Hirt ist eben in Begriff, dieselbe heimzutreiben; aber er sagt uns bereitwillig, daß die breite Wasserrille, welche wir an einer seichten Stelle bequem durchwaten können, die „Triendekill“ heiße, und daß sie ein ziemliches Stück vom Hopp her durch die Dünen in den Südstrand hinein dringe, was wir auf einer Anhöhe stehend, deutlich sehen können. Dann macht er uns aufmerksam auf einen großen Kolk auf dem Südstrande in der Nähe der genannten Kill. Der Hirte sagt, dieser Kolk heiße das „Weyertsgatt“: aber er weiß weder, was dieser Name bedeutet, noch was Triendekill heißt. Wir treffen jedoch leicht das Richtige, wenn wir diese beiden Benennungen mit Personennamen in Verbindung Seite 137bringen. Also Triendekill ist die Kill (Wasserrinne) der Triene oder Trientje und das Weyertsgatt der Kolk des Weyert oder Wiard. (Es sei hier bemerkt, daß heutzutage ein Kolk an der Innenseite des Deiches der „Aaltjekolk“ heißt, weil eine nicht ganz zurechnungsfähige Frauensperson, Aaltje mit Namen, sich darin ertränkt hat. Vielleicht könnte in der Triendekill oder im Weyertsgatt etwas Ähnliches geschehen sein, jedenfalls aber knüpfen sich diese Namen an Thatsachen.)
Indem wir auf einem hochragenden Hügel stehen, sehen wir, daß die Dünenkette nur schmal ist, und unser freundlicher Führer erzählt uns, daß bei schweren Stürmen wohl ein Durchbruch zu besorgen sei. (Diese Befürchtung ist nicht eingetroffen, da ein langes und breites Thal, die Kiebitzdelle, seewärts sich davon gebildet hat und weiterhin noch eine mächtige Dünenkette; Weyertsgatt und Triendekill dagegen sind ganz verschwunden.)
Wir kommen allmählich dem Dorfe näher. Wir müssen langsam gehen, denn der Weg ist, nachdem wir den niedrigen Deich, der den Ort nach Osten hin gegen das Eindringen des Seewassers schützen soll, überschritten haben, sehr sandig und macht uns müde. — Wir fragen den Hirten, mit welchem wir hinter der Herde hergehen, ob das lange, breite Wasser, welches sich links von uns am Fuße der innern Dünen um das Dorf zu ziehen scheint, mit dem Meere in Verbindung stehe; aber er lächelt etwas überlegen und belehrt uns, daß in diesem Falle ja die Insel verloren sei. Er sagt, diese schilfumsäumten Wasserflächen seien lange, flache Kolke, welche, unter einander zusammenhängend, in einem großen Bogen Seite 138im Süden, Westen und Norden sich um das Dorf herumziehen; im Sommer seien die vielen mit Gestrüpp bewachsenen Inselchen in demselben die Brutstätten von Sumpfvögeln, besonders von Enten; im Winter aber sei bei genügendem Froste auf dem langen Wasser die prächtigste Eisbahn, auf welcher die jungen Leute und Kinder mit Schlittenfahren sich vergnügen, da sie die Kunst Tjalfs nicht verstehen.
Und nun fällt unser Blick auf die weiten Wiesen, welche in einem großen Halbkreise das Dorf umgeben und nun in ihrem schönsten Schmucke stehen, denn die Heuernte hat noch nicht begonnen. Über ihnen steigen hoch in die Luft viele Lerchen, welche vor Abend noch einmal fröhlich ihre Lieder singen wollen, um sich dann zur Nachtruhe niederzulassen; hie und da fliegt ein Sumpfvogel und lockt mit lautem Ruf seine Jungen, und dicht neben uns steht in einem Graben ein Reiher, welcher seine Abendmahlzeit sucht.
Die Häuser des Dörfleins, in das wir nun eintreten, sind alle nur klein und niedrig, die Wände meist von kleinen gelben Steinen aufgeführt. Die Gärten hinter und neben den Häusern haben hohe Erdwälle als Einfriedigungen, auf welchen vielfach roter Senf steht, dessen Duft, denn es ist die Zeit der Blüte, wir mit Wohlbehagen einatmen. Eine Schar kleiner, barfüßiger Kinder, welche auf dem Wege im Sande spielen, stiebt bei unserer Ankunft scheu auseinander, sie verkünden, heimeilend, der Mutter oder dem Vater, daß sie einen fremden „Kerl“ gesehen haben, vor dem sie erschrocken seien. Neugierig lugen die Einwohner, namentlich die Frauen, durch die kleinen Fenster, Seite 139um zu sehen, wer so angelegentlichst Häuser und Gärten betrachte. Von Bäumen, vorzüglich von Obstbäumen, sehen wir im Orte nicht viel, nur unansehnliche Weiden stehen hie und da vor den Häusern und starke Büsche von Flieder, der hier gut gedeiht. In den Gärten, in welche wir auch einen Blick werfen, stehen die Früchte recht gut, vor allen Dingen erblicken wir ganze Acker mit Großebohnen, deren vortrefflicher Stand uns beweist, daß Borkum von den alten Römern nicht mit Unrecht Fabaria, die Bohneninsel, genannt worden ist.
Bei dem hohen Turme mit seiner schiefergedeckten Spitze, welchen wir auf unserer Fahrt zur Insel in stundenweiter Entfernung schon gesehen haben, stehen wir einen Augenblick still. Auf unsere Frage, ob die Einwohner der Insel vormals so reich gewesen seien, daß sie einen so hohen und starken Turm erbauen konnten, erfahren wir, daß die Emder Kaufmannschaft vor mehr als hundert Jahren denselben errichtet habe, wovon wir uns, indem wir die lateinische Inschrift an der Südseite des Turmes lesen, auch bald überzeugen. Siehe Seite 21. Die Kirche, welche im letzteren angebaut ist, ist nur klein und unansehnlich; sie ist verschlossen, darum gehen wir mit dem Hirten, unserm bisherigen Führer, weiter.
Die Straße, welche wir verfolgen, bringt uns in die Nähe des Strandes, aber wir biegen rechts ab und helfen dem betagten Hüter der „Breitgestirnten“ zum Danke für die von ihm erhaltenen Aufklärungen die Herde auf die „alte Melkstätte“ treiben, die auf der Nordwestecke des Dorfes belegen ist, und wohin jetzt die Frauen Seite 140und Mädchen kommen, um ihre Kühe zu melken, die durch ihr Brüllen genugsam ihre Rückkunft von der Weide verkündigen. Eine freundliche Frau füllt uns auf unsere Bitte gerne unsern kleinen Reisebecher mit frischer Milch, die in der That von köstlichem Wohlgeschmack ist und uns darum vortrefflich mundet. Da die liebenswürdige Geberin eine Bezahlung für die gebotene Erquickung nicht annehmen will, so gehen wir nach herzlichem Danke weiter.
Der bejahrte Mann, unser bisheriger Begleiter, sehnt sich, nach Hause zu kommen, aber er hat einen größeren Knaben herangewinkt und ihn bedeutet, mit uns zu gehen und weitere Aufklärung zu geben, wo solche verlangt werde. — Wir wenden uns wieder dem Dorfe zu. Die Wege sind auf beiden Seiten überall von hohen Erdwällen oder „riemen“ eingefaßt, nur schmale Eingänge zu den Häusern frei lassend. So kann das Regenwasser nicht ablaufen und erweicht die Wege zu einem schmutzigen Brei, was wir, da es gerade in Strömen gießt, auf das unangenehmste erfahren müssen. Weil wir keinen öljejäkkert (geölten Oberrock) an haben, so müssen wir, um nicht ganz durchnäßt zu werden, für heute unsere Beobachtungen einstellen und uns umsehen nach einem Unterkommen für die Nacht, die ja auch nicht mehr ferne ist. Der Knabe führt uns in die kleine Herberge, wo man freundlich den fremden Gast aufnimmt und nach Kräften bewirtet.
Man ist hier nicht gewohnt, abends lange aufzubleiben, wir müssen deshalb bald unser Lager aufsuchen, was uns gar nicht unlieb ist, da wir müde und schläfrig sind.
Seite 141 Unser erster Gang am andern Morgen ist zum Strande, den wir, das „lange Wasser“ an der schmalsten Stelle auf einem Damm überschreitend, bald erreichen. Flüchtige Kaninchen springen hie und da vor uns auf und huschen gewandt in ihre Löcher. Der Knabe, unser Führer vom vorigen Abende, der uns auch heute wieder begleiten will, erzählt uns, daß diese Tiere im Herbst und Winter in feinen Drahtschlingen und mit Netzen gefangen werden und außerordentlich schmackhaft seien.
Wir gehen weiter. Zwei hohe Holzgerüste, das eine auf den West-, das andere auf den Süddünen, lenken unsere Aufmerksamkeit auf sich. Wir erfahren, daß es Tagesmarken für die Schiffer sind. Wir sehen nun hinaus auf das Meer, welches vor uns auf dem Riffe brandet und tost, und denken schauernd an die Fahrzeuge, die bei Nachtzeit an diesen Küsten vorüber müssen, denn kein Leuchtfeuer noch wirft seinen Schein aufs Meer und zeigt dem armen Seemann die Nähe des gefährlichen Gestades. Deshalb kommen Schiffbrüche hier häufig vor, bei denen manchmal. auch viele Menschen ums Leben kommen, für welche man eine Begräbnisstätte nahe dem Strande, den sogenannten Drinkeldodenkarkhoff, angelegt hat. Wir besuchen diesen Kirchhof, den wir mit einigen hundert Schritten bald erreichen. Hier ruhen, meist in der Blüte der Jahre dahin gerafft, die Ertrunkenen aus in ihren Gräbern von Arbeit und Sorge, von Lust und Schmerz. Nur selten giebt ein Leichenstein Kunde über Alter, Heimat und Familie der stillen Schläfer da unten, deren Herz gewiß auch einst fröhlich klopfte, und deren Seite 142Auge mutig blitzte, die so sehnsüchtig erwartet wurden von Weib und Kindern oder Eltern und Geschwistern und doch niemals heimkehren konnten.
Von diesem Kirchhof wenden wir uns westwärts durch die breiten Dünen zum Strande, welcher weithin sich ausdehnt und, allmählich sich senkend, endlich in den Meeresboden übergeht. Hier scheint die Nordsee wenig ausrichten zu können, aber gefährlich scheint es doch zu sein etwas weiter südlich, wo das „Ferntief“, welches unmittelbar an den Dünen eine tiefe, breite Öffnung in den Strand gewühlt hat, bis zum Weststrande sich hinzieht. (Den nördlichsten, breitesten Teil dieses Ferntiefes finden wir heute wahrscheinlich wieder in dem „Strandgatje“, welches den Weststrand vom Riffe trennt.)
Wir wandern nun von Süden her zurück zum Dorf, um den hohen Turm noch einmal in Augenschein zu nehmen, der, mit seiner mehr als dreißig Fuß hohen, schiefergedeckten Spitze weithin sichtbar, den Schiffern als Tagesseezeichen, der Gemeinde aber als Glockenturm dient. Aber wir gehen nicht rasch, um möglichst lange den Anblick der herrlichen, in buntem Blumenschmuck prangenden Wiesen zu haben, die nun im lachenden Sonnenschein vor uns liegen.
So kommen wir denn zum Turme, der sehr fest gebaut zu sein scheint, an welchem äußerlich aber nichts Merkwürdiges zu sehen ist als die schon erwähnte Inschrift, die wir jedoch noch einmal lesen, um sie besser dem Gedächtnisse einzuprägen. Nun steigen wir auf steilen, hölzernen Treppen mühsam nach oben, von wo wir die ganze Insel überschauen können. Der Auskündiger, Seite 143welcher, auch Küster der Gemeinde, vor uns hinaufgestiegen ist, um die Kirchenglocke zu läuten, giebt uns bereitwilligst Auskunft über die Himmelsgegend und über die Namen der von hier aus sichtbaren Ortschaften des holländischen Festlandes. Von den benachbarten Inseln ist am deutlichsten das zunächst gelegene Juist sichtbar, dessen weißer, langgestreckter Strand in der Sonne hell erglänzt, und nach Südwesten Rottum, das kleine holländische Eiland; auch die Küste des Groningerlandes kann man gut sehen, während das ostfriesische Festland nur sehr undeutlich hervortritt. Aber das Ostland liegt ganz nahe vor uns, so daß wir es genau betrachten können. Wir entdecken keine Häuser auf demselben, denn es ist unbewohnt; nur eine Viehherde weidet dort, welche den ganzen Sommer daselbst bleibt und gegen den beginnenden Herbst hin wieder zum Westlande geführt wird. Zwischen diesem und dem Ostlande ist ein breites Watt, welches nur bei Ebbe an gewissen Stellen zu passieren ist. Die Dünen, welche im Norden und Süden dieses Watts den Meeresfluten den Zugang zu diesen beiden Inselteilen wehren, sind nur schmal, namentlich an der Nordseite, so daß bei Sturmfluten ein Durchreißen derselben gar nicht unmöglich erscheint. (Gegenwärtig sind die genannten Dünen sehr breit, wie ein Blick auf die Karte oder noch besser ein Gang durch die Dünen selbst uns beweist.)
Die Fernsicht, welche wir von der Höhe des Turmes nach allen Seiten hin haben, ist großartig, aber wir müssen uns doch davon losreißen, denn das Läuten ist vorbei und der Gottesdienst beginnt, welchen wir doch nicht versäumen mögen.
Seite 144 Wir steigen also wieder vom Turme hernieder und treten in die Kirche ein, wo die zahlreich versammelte Gemeinde soeben den Gesang beginnt. Denselben leitet als Vorsinger der Auskündiger, da eine Orgel nicht vorhanden ist. Wir nehmen auf einer der einfachen Bänke Platz und freuen uns über die kräftigen, wohllautenden Stimmen; die Seeluft scheint auf die Stimmorgane günstig zu wirken. Gesang und Predigt sind holländisch; denn die Gemeinde ist reformiert, und in den ostfriesischen Gemeinden reformierten Bekenntnisses wird fast ausnahmlos beim Gottesdienste die holländische Sprache gebraucht. Dem Prediger hört man es sofort an, daß er ein geborener Holländer ist.
Die Kirche zeigt inwendig überall nur kahle, weißgetünchte Wände: kein Bild, noch irgend welcher Schmuck ist vorhanden; auch Vorhänge sind nicht vor den Fenstern, durch welche darum die Sonne heiß auf die Köpfe der Andächtigen brennt. Die Männer schützen sich vor den heißen Strahlen, indem sie ihre Kopfbedeckungen, nachdem Gesang und Gebet vorüber sind, wieder aufsetzen und nach der Sonnenseite hinrücken; die Frauen aber haben von der Sonne nichts zu leiden, da ihre großen, breitrandigen Hüte alle Strahlen vollständig abhalten.
Wir verlassen nach Beendigung der Predigt das Gotteshaus und verwenden den übrigen Teil des Sonntags dazu, die Einwohner der Insel etwas näher kennen zu lernen. Dazu haben wir Gelegenheit, indem wir, nun keines Führers mehr bedürfend, durch den Ort gehen und mit den Leuten, die hie und da vor den Thüren stehen, ein Gespräch anknüpfen. Fast bei jedem Hause Seite 145sehen wir an hohen Stangen starke Schnüre entlang gezogen, an denen eine große Menge Fische, meist Schellfische und Schollen, zum Trocknen hängt. Wir erfahren auf unsere Frage, daß die getrockneten Fische, sorgfältig in eine Kiste gepackt, für den Winter, während desselben es meist keine frischen Fische giebt, aufbewahrt werden.
Eine noch bessere Gelegenheit, mit den Insulanern in Berührung zu kommen, finden wir, indem wir einer Gesellschaft Spaziergänger uns anschließen, die gerade zum Strande gehen. Nach Gewerbe und Hantierung, nach Sitten und Gebräuchen uns erkundigend, schlendern wir langsam durch die Dünen. Doch was ist das! Es ist, als habe uns jemand beim Fuße festgehalten und zu Falle gebracht. Erschreckt sehen wir um, um gleich zu entdecken, daß es eine Drahtschlinge ist, welche vom Winter her noch da liegt oder vielleicht auch von Knaben gelegt ist, die sich im Karnickelfangen üben wollen. Nun haben sie statt eines Kaninchens einen Menschen gefangen, aber nicht lange, denn wir haben uns bald wieder los gemacht. Wir treten nun etwas vorsichtiger auf, um nicht wieder zu Falle zu kommen.
Sehr mitteilsam sind die Bewohner uns gegenüber nicht, aber sie geben doch bereitwillig auf unsere Fragen Auskunft über alles, was wir wissen wollen. So erfahren wir denn, daß neben Landwirtschaft vorzüglich Fischfang getrieben wird; daß die Leute auf der Insel gut ihr Auskommen haben, daß aber Reichtum bei niemanden zu finden sei; sie klagen darüber, daß der Vogt ein sehr eigennütziger Mensch sei, der nur auf seinen Vorteil sehe und deshalb bei ihnen in Mißkredit geraten sei.
Seite 146 Mit den besten Segenswünschen scheiden wir am andern Morgen von Land und Leuten, die uns so wohl gefallen haben. Indem wir das Schiff besteigen, welches uns wieder zum Festlande bringen soll, und indem wir auf die Insel zurückschauen, treten uns lebhaft die Worte des Psalmisten vor die Seele: Herr, die Wasserwogen erheben sich, die Wasserströme erheben ihr Brausen, die Wasserwogen heben empor die Wellen; die Wasserwogen sind groß und brausen greulich; der Herr aber ist noch größer in der Höhe. Psalm 93, 3. 4. Der Allmächtige wolle das Eiland behüten in aller Not und Gefahr, damit immerdar an demselben wahr bleibe die schöne Inschrift seines alten Kirchensiegels: Mediis tranquillus in undis — ruhig mitten in den Meereswogen.